Hellwach in der Stadt, die niemals schläft

Sogar, oder gerade hier, wache ich um 5 Uhr morgens auf. Ich mache meinen endgültigen Frieden damit, dass ich ein Morgenmensch bin. Im Fahrstuhl begegne ich wenig später zwei Asiatinnen, die gerade völlig lediert von einer Partynacht zurück kommen. Ich ergebe mich meiner Kaffeesucht und beiße in das fettigste Schoko-Croissant, das ich jemals gegessen habe, während draußen Sirenen heulen. Als ich die Fenster zu meinem Schlafzimmer öffne, weil ich so den Wind spüren und den Duft der Stadt riechen kann, tut das Koffein seine Wirkung und ich bin hellwach. In der Stadt, die niemals schläft.

New York City Empire State Building Skyline

New York City hat einen ganz eigenen Rhytmus. Ich bin zum dritten Mal hier und bei jeder Begegnung treffe ich eine uralute Bekannte, die sich über die Jahre sehr verändert hat, im Kern aber die gleiche geblieben ist. Ich sage nicht, dass ich das ausschließlich gut finde. Städte sind wie Menschen. Manche von ihnen gehen in einem unglaublichen Tempo voran, setzen Trends, ziehen Massen an, werden gehyped und geheiligt, ob sie es wollen, oder nicht. New York City zeigt den Glanz und Glamour einer Außenwelt, den viele Menschen in ihrem Inneren suchen. Kurzweilig eingetaucht in den leuchtenden Bühnenstrahler des Big Apple, sind sie ein paar wenige Augenblicke Teil des Tempos, Teil des Trends, Teil des Hypes. Teil der atemberaubenden Geschwindigkeit, der Lebensfreude, des Humors, der bunten Vielfalt und Liebe zur Veränderung. New York ist noch mehr, als das. Es lässt Menschen vereinsamen, inmitten von Menschenmassen. Diese Stadt, in der ein Einzimmer-Appartement ohne Fenster 3.500 USD im Monat Wert zugesprochen bekommt, hält Obdachlose an jeder Ecke bereit.  New York City ist Gegensätzlichkeit, ist Polarität. Ein Spiegel, den das Leben mit bunten Neonröhren, Wolkenkratzern und verrückten Menschen (im besten Sinne) weit nach oben hält, damit wir ihn sehen können.

Empire State building new york city
Ich gucke hier also jeden Tag in meinen Stadt-Spiegel. Gestern Mittag schob ich mich, eingebettet in eine Welle von Touristen, auf die Spitze des Empire State Buildings. Mit Mama im Arm, Papa an meiner Seite und Jörn mit Phaedra im Herzen. Es passierten da hoch oben mehrere Dinge gleichzeitig:

Höhenangst, farewell!

Ich habe meine Angst vor Höhen verloren. S. hatte mir bereits angekündigt, dass die Angst davor zu fallen, quasi den Boden unter den Füßen zu verlieren, der Wink des Lebens mit dem Zaunpfahl ist, doch an dieser Stelle mal zu forschen. Es war wohl richtig, mir dieses Mal Fügel wachsen zu lassen. Richard Branson schrieb neulich, dass manche von uns den freien Fall einfach geil finden und jeder Mensch Angst vor dem Sprung hat, weil der Aufprall weh tun könnte. Versprochen, DER TUT HÖLLISCH WEH! Und Liegenbleiben ist keine Option. Wunden lecken, Pflaster drauf und wieder nach oben klettern. Während dem Aufstieg guckst Du mal um Dich und schaust, wer Dir helfen kann, Deine Flügel zu finden.  Das Fliegen kann Dir niemand zeigen oder beibringen. Das lernst Du während dem Fallen. Wenn Du keine Ahnung hast, worauf Du klettern sollst, melde Dich bei mir. Zur Überprüfung des aktuellen Fortschritts muss es ja nicht gleich das Empire State Building sein. Der Alte Peter in München tut es auch.

Heute morgen habe ich mich in einen Glasfahrstuhl gestellt, bin in den 14. Stock gefahren und dann wieder runter auf Ebene 0. Mit der Stirn an der Glasfront und Blick nach unten. Liebes Leben: I fu***ing got it!

Mamas leuchtende Kinderaugen mit 59. Jahren


Das nächste, was dann auf der Plattform des Empire States geschah, war meine Bestätigung, dass es nicht die Attraktionen der Städte sind, die eine Städtereise wundervoll machen. Es sind die Menschen, die ich treffe. Es sind jene, die ich an meiner Seite habe und solche, an die ich mich erinnere. Einer der (ernsthaft) größten Wünsche meiner Mama war es, einmal zu Weihnachten unter dem Weihnachtsbaum des Rockefeller Centers in die Kamera zu Lachen. Überhaupt in New York City zu sein. Also blickte sie, mit ihren fast 60 Jahren, aus leuchtenden Augen, windzerzausten Haaren (da oben windet es ganz schön) und roten Bäckchen über die Dächer der pulsierenden Stadt. Während sie drüber blickte, blickte ich hinein. Wir sind dann später in der Nacht nochmal wieder gekommen. Im Dunklen sehen wir die Dinge manchmal anders. Weit von oben, aus einer anderen Perspektive, kommt uns alles sogar in Form von kleinen Lichtpunkten entgegen.

Es ist jetzt 8.30 Uhr in Manhattan. Ich gehe jetzt wieder los, in den Stadtspiegel gucken.