Buchauswahl und Männerauswahl folgen demselben System

Was die Buchauswahl beim Packen mit der Auswahl meines Ehemannes zu tun hat, darum geht es jetzt. Bevor ich nach New York City geflogen bin, musste ich eine schwerwiegende Entscheidung treffen – im buchstäblichen Sinne. Es sind ja gerade mal 20kg, die ein Gepäckstück wiegen darf. Und meine Bücher, die sind schwer. Die wiegen was. Ich habe mich für meinen üblichen Lonely Planet entschieden und Adam Braun´s „The Promise Of A Pencil“.  Von vielen, vielen Büchern, hat es Adam Brauns geschafft. Meine Männerauswahl lief ähnlich ab.

pencils of promise adam braun new york

Als ich Adam Brauns Geschichte zum ersten Mal hörte und sah (weil Marie Forleo ihn glücklicherweise zu sich eingeladen hatte), plärrte ich Rotz und Wasser. Versteht mich nicht falsch, Adam war/ist ein netter US Amerikaner in den 30ern , mit stabilen Wurzeln und ohne tief erschütterndes Drama in seinem Leben. Was mich bei Adam Braun so unglaublich berührt hat, war die selbstverständliche Natürlichkeit im Umgang mit der Bedeutung seines Lebens. Mit seinem „purpose“. Das ist das englische Wort für Lebensauftrag, Daseinszweck, Mission, Bedeutung im Leben. Ich mag das Wort „purpose“, weil es so klar ist. Es ist nicht bis in die Unkenntlichkeit durch Esoterik verunstaltet worden, die jeden abhängt, der sich weigert, seinen Verstand an der Kasse abzugeben.

Adam Braun baut Schulen in Entwicklungsländern für Kinder. Falls Du Deinen „purpose“ kennst, dann weißt Du, wie es sich anfühlt, wenn Deine Mission auf eine ähnliche trifft. Lebensaufträge erkennen einander. Das Entspannende an der Klarheit zum eigenen Daseinszweck ist für mich, dass man dadurch auch alles andere erkennt, das nicht zu einem passt. Adam Braun und „Pencils of Promise“ passt zu mir. Genau wie mein Mann zu mir passt.


Am Klappentext erkennst Du Menschen, die zu Dir passen

Jörn ist der Autor seines wunderbaren Lebens und ich habe es in seinen Roman geschafft, genau wie er auf einigen meiner Seiten steht. Wenn Du zwei Autoren beauftragst, über ein und dasselbe Leben zu schreiben, bekommst Du zwei verschiedene Geschichten. Obwohl wir zusammen leben, schreibt Jörn eine andere Geschichte in sein Buch. Und ich schreibe andere Dinge in meines. Manchmal lesen wir dem anderen daraus vor, manchmal nicht. Manche Seiten sind geheim, die gehen nur mich etwas an. Manchmal wissen wir beide nicht, was wir als nächstes schreiben wollen, auf die leeren Seiten unserer Bücher. Keiner von uns käme auf die Idee, dem anderen sein Buch weg zu nehmen, um etwas hinein zu kritzeln, das uns gerade passen würde. Niemand kann die Geschichte eines anderen Menschen schreiben. Du kannst höchstens Glück haben, wenn Du einer der guten Hauptfiguren darin wirst.

Ich lese gerne Bücher, die etwas mit mir zu tun haben. Um einen guten ersten Eindruck zu kriegen, studiere ich den Klappentext. Es gibt Menschen, die haben keine Ahnung, was auf ihrem Klappentext stehen soll. Stell Dir vor Du suchst nach Deinem idealen Lebenspartner – oder willst Dich finden lassen. Wie soll das gehen, wenn ein Leser nur wirres Zeug auf Deinem Buchrücken liest? Oder noch schlimmer: Was, wenn das, was dort steht, gar nicht zu Dir gehört, weil jemand anderes für Dich Deine Geschichte geschrieben hat? Da ist es doch vollkommen logisch, dass Du entweder keine oder die falschen Leser ansprichst.

Wenn Du weißt, wer Du bist und wohin Deine Reise gehen soll, dann triffst und erkennst Du Menschen, die zu Dir passen. Das sind diejenigen, die Du auf Langstreckenreisen durch Dein Leben mitnimmst. Das sind diejenigen, denen Du am Lagerfeuer Deine Geschichte vorliest und denen Du zuhörst, wenn sie ihre eigene teilen. Wenn Du keine Ahnung hast, was Du in Dein eigenes Buch schreiben sollst, frag diejenigen, die bereits Bestseller veröffentlicht haben. Vielleicht ist es Dein Nachbar, ein Kollege, Steve Jobs oder Jeanne D’Arc. Ja, man kann auch von Toten lernen, geh in ein Museum oder lies ihre Werke.


Heute morgen (meine Zeit) rief ich spontan meinen Herzallerliebsten an. Das ist der Kerl, den ich vor 15 Jahren „zufällig“ auf einer Geburtstagsfeier getroffen habe – um ihn 15 Jahre später als denjenigen zu erkennen, mit dem ich durchs Leben reisen will. Mit Lebenspartnern ist es wie mit Büchern auf Langstreckenreisen. Du musst Dir schon gut überlegen, wen Du mit Dir tragen willst. Für mich kommen nur Bücher in Frage, deren Inhalt mich berührt. Ich muss ihren Geruch lieben und wenn ich über ihren Rücken streiche wissen, dass ich es immer wieder tun würde, weil es sich gut anfühlt.

In manchen Partnerschaften bist Du Wächter und gleichzeitig Gefangener

Jörn und ich gehen eher öfters als selten getrennte Wege. Es gibt Paare, die sind so miteinander verschmolzen, dass ich den einen kaum noch vom anderen Menschen unterscheiden kann. Die scheinen ihre eigenen Lebensbücher auf dem Standesamt verbrannt zu haben, um sich danach eines zu teilen. Bloß… Wer schreibt da wann was hinein? Wer schreibt am meisten, wer am wenigstens? Wer reißt Seiten raus oder diktiert dem anderen seine Geschichte? Das ist nicht nur mangelnde Eigenverantwortung für das eigene Leben. Das ist Gefangenschaft, bei der Du Wächter und gleichzeitig Gefangener bist.

Mein Mann antwortete heute morgen auf meine Aussage hin, dass ich ihn vermisse (und den Hund, wirklich in dieser Reihenfolge): „Oh man, wie schön. Ich bin aber ehrlich, ich genieße jede Sekunde hier, auch ohne Dich. Ein Mann und sein Hund, mehr brauche ich gerade nicht.“ Viele Frauen tendieren in solchen Momenten dazu, verletzt zu sein. In mir hat dieser Satz eine Welle der Liebe ausgelöst, weil ich es geschafft habe, eine Plattform mit diesem Mann zu bauen, auf der jeder mal ganz für sich alleine sein – und es angstfrei aussprechen kann. Einer von uns in New York City (während ich das hier schreibe im Starbucks, East 40th) und einer in München (Couch, mit Hund).

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Angst über Bord! Manöver klar machen zum Ersaufen lassen…

„Mann über Bord entspricht heute nicht mehr der political correctness. Wir sagen jetzt Mensch über Bord.“ Mario, unser Segellehrer, weiht uns in die ersten Schritte des Segelns ein. Dazu gehört auch das Verhalten im Notfall. Phaedra hält kurz inne und legt ihr durchgeknautschtes Lammohr beiseite. Fragend blickt sie mir mitten ins Gesicht. Ja, Hund, ich denke das gleiche. Auch mir ist es pupsegal, wie wir das Manöver nennen. Mann über Bord, Frau über Bord, Hund über Bord – was auch immer die Mannschaft in dem Moment schreit, wenn wir ungewollt ins Wasser plumpsen, wir wollen gerettet werden. Alle sollen gerettet werden. Außer meine Angst, die will ich gerne ersaufen lassen!

Dieser Blog beschreibt eine Reise vor der Reise, während der Reise und, je nachdem wie es ausgeht, nach der Reise. Die Mannschaft hat aktuell zwei mal zwei Beine und ein mal vier Beine. 

Phaedra und ich, wir sind Landeier. Beide sind wir der Meinung, dass der Herrgott uns sicherlich mit Schwimmhäuten und Kiemen ausgestattet hätte, wenn das Wasser unser Element hätte sein sollen. Zu meinen glücklichsten Momenten gehört es, mit meinem Hund durch hohes Gras zu schleichen, ihr beim Sprinten zu zu schauen, sie beim Schnüffeln anzufeuern. Kurzum: sie Hund sein zu lassen. Und wo leben Hunde? An Land.

IMG_0829„Angst ist ein schlechter Begleiter beim Segeln, man muss Souveränität beibehalten.“ Mario zeigt ein Video mit Windstärke 10. Abgebrochene Masten, Boote die übereinander liegen. „Du brauchst immer einen Plan. Immer. Die Sicherheit bei der Planung kommt über die Jahre.“ Ein Glück, denke ich. Denn ich habe noch 15 Jahre Zeit, bis mein Mann und ich unsere Lebensträume zusammen legen.

Ich will die Welt bereisen. Schon immer. Ich will sie durch die Augen ihrer Menschen sehen, durch ihre Pflanzenwelt wandern und ihre Tiere schützen. Irgendwie hatte ich die letzten 34 Jahre das Wasser dabei übersehen. Gemessen an der Tatsache, dass unser Planet hauptsächlich von Wasser überzogen ist, ganz schön behämmert. Wasser sichert außerdem das Leben. Wasser und ich – wir hatten uns irgendwie immer verpasst. Bis Jörn kam.

Mitten ins Herz getroffen, fangen manche Menschen an zu leben
Eines Abends, als wir in unserer legendären Küche in Münchens Kattowitzerstrasse standen, trafen mich die Worte meines Mannes mitten ins Herz. Wer jemals einen Moment erleben durfte, in dem ein Mensch von seinem Traum oder seiner Lebensvision erzählt und es mit jeder Faser seines Körpers weiß, dann brauche ich nicht viel mehr schreiben, als das. Wer es nicht erlebt hat: Du kannst es in den Augen sehen, an der Stimme hören und in der Brust spüren. Es haut dich einfach um. Du kommst nicht auf die Idee, nach dem „Ja, aber…“ zu suchen. So ging es mir zum ersten Mal in meinem Zusammensein mit Jörn. Wer meinen Mann und mich kennt, vermutet hinter der Idee einer Auszeit oder eines Lebensabends auf See eher ein Hirngespinst von mir. Jörn ist der Denker, Planer, Kritiker. Ich bin die Kreative, Revoluzzer, Visionärin. Ihr dürft mir glauben, dass ich schwankte in meinen Gefühlen. Unfassbare Freude („juhu, er wird endlich abenteuerlustig!“) gepaart mit Überforderung („Ich kann nicht Segeln. Fischen. Surfen. Tauchen. Gerade so schwimmen. Ohne Hund Leben!“) Ich half mir mit dem, was mich bislang immer gerettet hat: geh dorthin, wo die Angst winkt. Sie lädt dich zum wachsen ein.IMG_0821

Ein halbes Jahr später buchte ich einen ersten Segelkurs. Im Kopf bereits angemeldet für alles, was man an Scheinen und Qualifikationen für den Segelsport überhaupt machen kann, wenn man Richtung Blauwassersegeln strebt.

Die Reise beginnt mit dem ersten Schritt
„Du kannst sogar eine medizinische Grundausbildung machen und lernst, wie man Haut an toten Schweinen näht.“ Marion zwinkert mir zu. Ich mache mir eine Notiz: lernen, wie man klaffende Wunden versorgt und zunäht.

Ende Juli 2015 sitzen Jörn, Phaedra und ich also bei ABC Wassersport in München und pauken alles Rund ums Boot, seemännisches Arbeiten (das darf man so schreiben, seemenschliches Arbeiten gibt es noch nicht als Wort), Wetterkunde, Motorkunde, Schallsignale… Als meine mitfühlende Begleiterin verkauft, erhält Phaedra die Genehmigung zur Teilnahme am Theoriekurs. Sie wird mich niemals persönlich auf diesem finalen Trip um die Welt begleiten, das steht fest. Kein Hund wird das. Trotzdem ist sie JETZT dabei, denn sie gehört zu unserem Leben. Mit ihrer freundlichen, verspielten Art schleicht sie sich schnell in alle Herzen der Teilnehmer und wickelt Seminarleiter und Geschäftsführer um den Finger. Der Bootshund, der Seehund, der Wassersuchund. Ich grinse nur. Wenn die wüssten…

Hier ist der Weg das Ziel. Schritt für Schritt die bewusste Verabschiedung von einer altbekannten Lebensweise hin zu einer neuen. In 15 Jahren sind wir 15 Jahre verheiratet. Wir haben neue Freunde und alte. Menschen, die wir heute noch anrufen, werden dann nicht mehr leben. Phaedra wird nicht mehr leben. Wir werden einen ganzen Haufen Segeltörns gefahren sein und Logbucheinträge sind selbstverständlich. Was heute völlig unbekanntes Terrain für mich ist, wird morgen so selbstverständlich sein wie das Training eines Hundes.

IMG_0825Das Leben mit Leben füllen
Ein Knoten ist eine Seemeile pro Stunde. 80 Zentimeter auf einem Masssband sind achtzig Jahre leben. Wie füllen wir unsere Jahre mit Leben? Wieviele Zentimeter, wieviele Seemeilen wollen wir mit Zeit verbringen, die uns nicht erfüllt? Woher weiß ich, dass dieses Projekt nicht wahnsinnig bescheuert ist, wo ich gerade mal 4 Segeltörns in meinem Leben gesegelt bin? Die Antwort ist: ich weiß es nicht. Manche Dinge im Leben, ich behaupte sogar die meisten, kann der Verstand nicht erfassen. Manche Dinge, die fühlt man einfach. Wenn ich etwas erfahren habe, dann das.

Logbucheintrag
Heute ist Sonntag, 26. Juli 2015. Die Sicht ist klar, es ist sonnig, kaum Wolken am Himmel. Die Temperaturen liegen bei 19 Grad. Wir haben festen Boden unter den Füßen, halten uns für wahnsinnig und unsere Gehirne sind verknotet, ganz wie der schlecht gemachte Palstek in meiner Hosentasche.