Wir sind umgezogen!

Es wurde einfach zu eng hier. In unserem neuen Zuhause auf

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haben wir viel mehr Platz. Breiteres Sofa, lichtdurchflutete Räume, offene Küche und Kamin. Sonnenterrasse und Whirlpool im Garten. Wenn wir ganz genau lauschen, hören wir da173_IMG_0365s Meer rauschen… Und Du kannst jederzeit vorbei kommen! Klick einfach hier.

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Buchauswahl und Männerauswahl folgen demselben System

Was die Buchauswahl beim Packen mit der Auswahl meines Ehemannes zu tun hat, darum geht es jetzt. Bevor ich nach New York City geflogen bin, musste ich eine schwerwiegende Entscheidung treffen – im buchstäblichen Sinne. Es sind ja gerade mal 20kg, die ein Gepäckstück wiegen darf. Und meine Bücher, die sind schwer. Die wiegen was. Ich habe mich für meinen üblichen Lonely Planet entschieden und Adam Braun´s „The Promise Of A Pencil“.  Von vielen, vielen Büchern, hat es Adam Brauns geschafft. Meine Männerauswahl lief ähnlich ab.

pencils of promise adam braun new york

Als ich Adam Brauns Geschichte zum ersten Mal hörte und sah (weil Marie Forleo ihn glücklicherweise zu sich eingeladen hatte), plärrte ich Rotz und Wasser. Versteht mich nicht falsch, Adam war/ist ein netter US Amerikaner in den 30ern , mit stabilen Wurzeln und ohne tief erschütterndes Drama in seinem Leben. Was mich bei Adam Braun so unglaublich berührt hat, war die selbstverständliche Natürlichkeit im Umgang mit der Bedeutung seines Lebens. Mit seinem „purpose“. Das ist das englische Wort für Lebensauftrag, Daseinszweck, Mission, Bedeutung im Leben. Ich mag das Wort „purpose“, weil es so klar ist. Es ist nicht bis in die Unkenntlichkeit durch Esoterik verunstaltet worden, die jeden abhängt, der sich weigert, seinen Verstand an der Kasse abzugeben.

Adam Braun baut Schulen in Entwicklungsländern für Kinder. Falls Du Deinen „purpose“ kennst, dann weißt Du, wie es sich anfühlt, wenn Deine Mission auf eine ähnliche trifft. Lebensaufträge erkennen einander. Das Entspannende an der Klarheit zum eigenen Daseinszweck ist für mich, dass man dadurch auch alles andere erkennt, das nicht zu einem passt. Adam Braun und „Pencils of Promise“ passt zu mir. Genau wie mein Mann zu mir passt.


Am Klappentext erkennst Du Menschen, die zu Dir passen

Jörn ist der Autor seines wunderbaren Lebens und ich habe es in seinen Roman geschafft, genau wie er auf einigen meiner Seiten steht. Wenn Du zwei Autoren beauftragst, über ein und dasselbe Leben zu schreiben, bekommst Du zwei verschiedene Geschichten. Obwohl wir zusammen leben, schreibt Jörn eine andere Geschichte in sein Buch. Und ich schreibe andere Dinge in meines. Manchmal lesen wir dem anderen daraus vor, manchmal nicht. Manche Seiten sind geheim, die gehen nur mich etwas an. Manchmal wissen wir beide nicht, was wir als nächstes schreiben wollen, auf die leeren Seiten unserer Bücher. Keiner von uns käme auf die Idee, dem anderen sein Buch weg zu nehmen, um etwas hinein zu kritzeln, das uns gerade passen würde. Niemand kann die Geschichte eines anderen Menschen schreiben. Du kannst höchstens Glück haben, wenn Du einer der guten Hauptfiguren darin wirst.

Ich lese gerne Bücher, die etwas mit mir zu tun haben. Um einen guten ersten Eindruck zu kriegen, studiere ich den Klappentext. Es gibt Menschen, die haben keine Ahnung, was auf ihrem Klappentext stehen soll. Stell Dir vor Du suchst nach Deinem idealen Lebenspartner – oder willst Dich finden lassen. Wie soll das gehen, wenn ein Leser nur wirres Zeug auf Deinem Buchrücken liest? Oder noch schlimmer: Was, wenn das, was dort steht, gar nicht zu Dir gehört, weil jemand anderes für Dich Deine Geschichte geschrieben hat? Da ist es doch vollkommen logisch, dass Du entweder keine oder die falschen Leser ansprichst.

Wenn Du weißt, wer Du bist und wohin Deine Reise gehen soll, dann triffst und erkennst Du Menschen, die zu Dir passen. Das sind diejenigen, die Du auf Langstreckenreisen durch Dein Leben mitnimmst. Das sind diejenigen, denen Du am Lagerfeuer Deine Geschichte vorliest und denen Du zuhörst, wenn sie ihre eigene teilen. Wenn Du keine Ahnung hast, was Du in Dein eigenes Buch schreiben sollst, frag diejenigen, die bereits Bestseller veröffentlicht haben. Vielleicht ist es Dein Nachbar, ein Kollege, Steve Jobs oder Jeanne D’Arc. Ja, man kann auch von Toten lernen, geh in ein Museum oder lies ihre Werke.


Heute morgen (meine Zeit) rief ich spontan meinen Herzallerliebsten an. Das ist der Kerl, den ich vor 15 Jahren „zufällig“ auf einer Geburtstagsfeier getroffen habe – um ihn 15 Jahre später als denjenigen zu erkennen, mit dem ich durchs Leben reisen will. Mit Lebenspartnern ist es wie mit Büchern auf Langstreckenreisen. Du musst Dir schon gut überlegen, wen Du mit Dir tragen willst. Für mich kommen nur Bücher in Frage, deren Inhalt mich berührt. Ich muss ihren Geruch lieben und wenn ich über ihren Rücken streiche wissen, dass ich es immer wieder tun würde, weil es sich gut anfühlt.

In manchen Partnerschaften bist Du Wächter und gleichzeitig Gefangener

Jörn und ich gehen eher öfters als selten getrennte Wege. Es gibt Paare, die sind so miteinander verschmolzen, dass ich den einen kaum noch vom anderen Menschen unterscheiden kann. Die scheinen ihre eigenen Lebensbücher auf dem Standesamt verbrannt zu haben, um sich danach eines zu teilen. Bloß… Wer schreibt da wann was hinein? Wer schreibt am meisten, wer am wenigstens? Wer reißt Seiten raus oder diktiert dem anderen seine Geschichte? Das ist nicht nur mangelnde Eigenverantwortung für das eigene Leben. Das ist Gefangenschaft, bei der Du Wächter und gleichzeitig Gefangener bist.

Mein Mann antwortete heute morgen auf meine Aussage hin, dass ich ihn vermisse (und den Hund, wirklich in dieser Reihenfolge): „Oh man, wie schön. Ich bin aber ehrlich, ich genieße jede Sekunde hier, auch ohne Dich. Ein Mann und sein Hund, mehr brauche ich gerade nicht.“ Viele Frauen tendieren in solchen Momenten dazu, verletzt zu sein. In mir hat dieser Satz eine Welle der Liebe ausgelöst, weil ich es geschafft habe, eine Plattform mit diesem Mann zu bauen, auf der jeder mal ganz für sich alleine sein – und es angstfrei aussprechen kann. Einer von uns in New York City (während ich das hier schreibe im Starbucks, East 40th) und einer in München (Couch, mit Hund).

Mein Weihnachtswunsch am Ground Zero

Ich wünsche uns und unseren Kindern, dass sie eines Tages keine neuen Gedenkstätten mehr bauen müssen. Dass sie keine Relikte hinter Glasvitrinen ausstellen und auf Tafeln die Namen ihrer Toten schreiben. Ich wünsche uns und unseren Kindern die Erkenntnis, die es braucht, um aus den Fehlern der Gedenkstättenbauer der Vergangenheit zu lernen.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial

Die Wall Street schickt unaufhörlich ihren Lärm in meine Richtung und irgendwie schafft es dieser Ort doch, dass er eine friedliche Stille bewahrt inmitten von Manhattan. Es ist ein sonniger Morgen an diesem Dezembertag. Hin und wieder kommt ein kühler Wind auf, der die Blätter der jungen Bäume hier bewegt. Sie stehen noch nicht lange da. Nichts steht hier schon besonders lange. Ich höre Wasser plätschern und folge dem Geräusch. Langsam ahne ich, worauf ich mich gerade zu bewege. Eine weiße Rose hebt sich vom Bild der zigtausend Namen ab. Ich habe Ground Zero erreicht.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ein dicker Kloß formt sich in meinem Hals, je länger ich ihre Namen lese. Ich streiche darüber und frage mich, wer diese Frau war. Eine Mutter vielleicht, eine Schwester, beste Freundin, gute Kollegin. Sicherlich keine Heilige, ein ganz normaler Mensch vermutlich. Mit Ecken und Kanten. Hier, an diesem Ort, hat sie am 11. September 2001 ihr Leben verloren, zusammen mit beinahe 3.000 anderen Menschen. Anderen Müttern, Vätern, Brüdern, Kollegen. Jemand hat diese weiße Rose hierher gelegt. Dann setze ich einen Fuß vor den anderen und gebe 9/11 die Chance, mir beim Erinnern zu helfen.

Das letzte Mal, als ich an dieser Stelle stand, waren die Aufbauarbeiten noch in vollem Gange. Weder ein Museum, noch eine Gedenkstätte gab es hier 2011. Doch ich stand auch schon 1998 an diesem Ort. Ich habe sie gesehen, betreten, hier Blödsinn mit meinen Schulkameraden gemacht und eines unserer Klassenfotos aufgenommen, als die Welt uns zu Füßen lag. Das, was von ihnen übrig geblieben ist, habe ich heute in einem Museum wieder gesehen. An den Relikten der Twin Towers kleben Verzweiflung, Trauer, Machtlosigkeit. Das 9/11 Memorial mit seinem Museum unterscheidet sich von allen anderen „Sehenswürdigkeiten“ dieser Stadt.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
9/11 ist real. Bis auf ein paar Kinder, die hier herumrennen, haben alle Besucher diesen Tag miterlebt. Die meisten von uns vor Bildschirmen. Uns allen ist heute gemein, dass wir die Bilder der verzweifelten Menschen sofort wieder in unseren Köpfen haben. Wir sehen sie nicht nur vor uns, wir hören sie auch. Wir gehen die Treppen hinab, auf deren Stufen hunderte Menschen versucht haben, in Sicherheit zu kommen. Wir stehen auf den neuen Stufen der Stellen, an denen sie dennoch sterben mussten. Wir werden an jene erinnert, die aus den Fenstern sprangen und an jene, die im Einsatz starben, um andere zu retten.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ich komme in einen Raum, in dem die Bilder der Toten hängen. Ihre Namen stehen darunter und es gibt einen Computer, in den ich einen der Namen eintippe. Ein Mann wird mir angezeigt, er umarmt seinen Deutschen Schäferhund. Ich komme nicht umhin daran zu denken, dass nicht nur Menschen ihre Lieben verloren haben. Auch ihre Hunde warteten vergeblich auf Frauchens oder Herrchens Rückkehr an diesem Tag. Der Computer fragt mich, ob ich seiner gedenken und den Namen im Gedenkraum anzeigen will. Ich drücke „ja“ und gehe in einen dunklen Raum. Hier sitzen Menschen mit mir, die still den Stimmen der Familienmitglieder zuhören, die die Gesichter und Geschichten derer kennen, die wir nur als bloße Namen an dieser Wand draußen sehen. Wir blicken auf das Bild einer jungen Frau, sie war schwanger, als sie hier am 11. September starb. Ihr Vater erzählt uns von ihr.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial  Ground Zero 9/11 New York City Memorial

Ich gehe an einem gelben Teddybär vorbei. Er gehörte einem der Kinder, die im Flugzeug saßen.

Ich blicke auf Handys, Geldbörsen, Kopfhörer von Menschen, deren Namen darunter stehen. Das hier, das ist keine Glasvitrine mit mittelalterlichen Dolchen und Schwertern aus einer Zeit, die mir fern ist. Das hier ist meine Zeit, meine Welt, das sind meine Erinnerungsfetzen an diesen Tag, das ist ein Teil meiner Geschichte. Ich stehe hier umgeben von der Traumabewältigung von Familien, die ihre Angehörigen begraben mussten, weil ein paar Irre der Überzegung sind, dass der Tot von Menschen Freiheit bringt. Das, was ich in den Gesichtern der Besucher hier sehe, habe ich noch nie in einem Museum gesehen. Niemand lacht  oder geht gar achtlos irgendwo vorbei. Niemand drängt sich nach vorne oder reißt Witze. Keiner versucht hier altklug daher zu reden. Selbst als ich mich heimlich einer Gruppe anschließe, die einen Guide gebucht hat, bemerke ich den Unterschied: diese Geschichte an diesem Ort geht jedem hier mitten ins Mark. Auf jeden Fall habe ich nie Frauen und Männer gleichermaßen in einem Museum mit den Tränen kämpfen sehen.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ich stehe vor einer Wand mit tätowierten Männern. Auf ihren Rücken und Armen stehen die Namen ihrer Kollegen, Freunde und Familien. Die Twin Towers stehen noch beim einen, beim anderen gehen sie in Flammen auf. Zuerst denke ich, dass diese Männern nicht ganz richtig ticken. Wie kann man sich diese Tragödie auf dem eigenen Körper verewigen? Dann lese ich die Erklärung auf einer Tafel: „Für mich war es leichter, mit dem Schmerz in meinem Inneren klar zu kommen, als die Nadel ihn in meinen Körper gestochen hat.“ Hm. Ich kenne Menschen, die so leichter mit dem Tod umgehen können. Sogar ihre Hunde stehen dort. Ob Loslassen so funktioniert? Ich weiß es nicht.
Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ich wünsche uns und unseren Kindern, dass sie eines Tages keine neuen Gedenkstätten mehr bauen müssen. Dass sie keine Relikte hinter Glasvitrinen ausstellen und auf Tafeln die Namen ihrer Toten schreiben. Ich wünsche uns und unseren Kindern die Erkenntnis, die es braucht, um aus den Fehlern der Gedenkstättenbauer der Vergangenheit zu lernen.

This one goes out to the living who listen, write and sail.

 

Kreditkartenkarma versus Nachtruhe – sowas gibt´s

Nachdem ich mich vor zwei Tagen auf Liberty Island und Ellis Island in der Vergangenheit der Stadt bewegt habe, hat sich New York City gedacht: „So, jetzt fragen wir das Mädel mal, ob sie immer noch Bock auf uns hat!“ Begonnen hat das Ganze mit einer Kreditkarte, die das Leben mir einfach so in die Hände gespielt hat, damit ich…shoppen gehe, nehme ich an. Als ich das Plastikkärtchen bei der zugehörigen Bank abgab, standen dem Mann am Counter Tränen der Rührung in den Augen und eine Lobeshymne der Wertschätzung seinerseits begleitete mich zum Ausgang. Ob es nun Naivität ist oder eine von mir nimmer mehr hinterfragte Wertekonstruktion, eins ist sicher: Die polternde Asiatin um 1 Uhr nachts an meiner Schlafzimmertüre, die hatte ich wirklich nicht verdient. Das kam so:

Ich hatte meine Eltern zum Essen eingeladen, in meinen Hallen im sechsten Stock des POD 39. Es ist recht spät geworden gestern, für unsere Verhältnisse. Schließlich stehen wir um 5.30 Uhr auf, da bist Du fertig wie´s Brot um 22 Uhr. Wir schoben uns also unser letztes Stückchen Bagel in den Mund und tranken das letzte Schlückchen Wein und Bierlein in meinem Zimmer, um den Tag würdevoll zu verabschieden. Papa hatte die Türe noch nicht ins Schloss gezogen, als von draußen der Geruch von…frittierten Hühnerbeinen hereinzog? Mit Seetang umwickelt? Das Leben schickt Dir manchmal Botschaften, die Du einfach nicht im Moment erkennst. Die Erkenntnis kommt dann meist später. Ich hätte es ahnen müssen.

Ich schloss das Fenster und fiel bleischwer ins Bett. Mama und ich hatten Macy´s in den Knochen. Papa auch, vom hinterherlaufen (danke, Papa!). Jedenfalls umhüllte mich der süße Schlaf, bis mich ein unaufhaltsames Stakkato wach rüttelte. Es klopfte. Laut, energisch, durchdringend und wild entschlossen. Ich schielte auf die Uhr. 1 Uhr. Hätte ich gewusst, was als nächstes passierte, ich hätte vorher ein scheißkaltes Glas Wasser bereit gehalten, um es dem Mädel schwungvoll und nicht minder wild entschlossen ins Gesicht zu kippen.

Ich öffnete die Türe und siehe da: Schon wieder eine jener, deren Körper einfach weder für Kuhmilch noch Obstgärprodukte ausgelegt ist. Nur diesmal wollte sie in mein Zimmer und realisierte ihre Irrung erst, als mein Sturm über sie hereinbrach. Sie wird sich nie wieder in meine Richtung verirren. Nie, nie wieder 😉 Sicherheitshalber steht jetzt ein Glas kaltes Wasser direkt neben meiner Türe. You never know…

Heute Morgen geht also alles ein bißchen langsamer, was vielleicht ganz gut ist, um die Welt aus Papas Gemütlichkeit zu betrachten. Ich trinke verdammt viel Wasser, um auch Mamas Welt der stets gut gefüllten Blasen zu erforschen. So entwickle ich vermutlich ein tiefes Verständnis für das Anhalten, wenn andere noch schnell über die Straße flitzen, bevor die Ampel auf rot schaltet. Oder einen Blick für Toiletten und ihre Sauberkeit auf einer Skala von 1-10.

New York City, liebes Leben, netter Versuch aber… sucht Euch wen anders. Ich hab noch Bock.

My 50 cents to Guggenheim´s Alberto Burri

Ganz oben angekommen, lehne ich mich über das Geländer. Es geht spiralförmig runter von hier. An den Wänden erzählen Bilder von Alberto Burri über Alberto Burri und das, was er nicht in Worte packen konnte. Das ist milde ausgedrückt. Ich finde, sie schreien seinen Seelenschmerz mit vereinten Kräften in die weiße Halle des Guggenheim Museums. Vielleicht wird er sauber da, der Schmerz, und wird gewaschen von allen Besuchern, die das Trauma des Künstlers wahrnehmen können.

Wenn Du das Guggenheim Museum betrittst, erhältst Du gleichzeitig eine Einladung, eine Erlaubnis. Du darfst die Kunst auf Dich wirken lassen, sie darf mit Dir machen, was Du willst und zulässt. Das kommt mir entgegen. Ich habe es einfach gehasst, wenn mir in der Schule Bild- und Textinterpretationen vorgegeben wurden. Da sagte mir ein Lehrer, was ich zu denken und zu fühlen hatte, wenn ich etwas ansah oder las. Hier nicht. Meine Reise durch Burris Kriegstrauma und seinen Seelenschmerz beginnt mit einem Film. Still und tief grabend taucht Il Grande Cretto meine Sinne ein und bringt mich nach Gibellina, Sizilien. 

Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mit ein paar Kunstliebhabern, Kunstprofessoren, Studenten und Händlern in New Yorks Guggenheim Museum völlig berührt staune – ich hätte ihm ein kühles Tuch auf die Stirn gelegt. Heute ergebe ich mich, mal wieder, und krame wie selbstverständlich meinen Notizblock raus. Ich schreibe alles auf, was das Landschaftskunstwerk mit mir macht.

Am 15. Januar 1968 wurde Gibellina durch ein Erdbeben zerstört. Alberto Burri schuf aus den Trümmern der Stadt ein riesige Kunstwerk. Wenn Du Lust hast, schau Dir seine Bilder kurz an und dann Gibellina. Der Kerl hat sich selbst in die Erde Siziliens geschnitzt und mit weißem Zement unsterblich gemacht. Irgendwie ist es das, was viele Künstler möchten, habe ich mir von einigen erzählen lassen. Unsterblich sein durch die Kunst, die sie schaffen. Am liebsten durch das eigene Werk in der Tiefe erkannt werden -von anderen. Schwieriges unterfangen, wenn man mich fragt.

Erst in diesem Jahr, 2015, wurden die Ruinen von Gibellina und Burris Kunstwerk fertig gestellt. Aus dem Leid und den Trümmern eines katastrophalen Erdbebens wurde eine weißes Abbild des Traumas eines Künstlers, das immer noch heilt, während es gesehen wird. Burris Trauma hat sich New York City und das Solomon Guggenheim Museum dafür ausgesucht. Sicher ist, dass es hier von vielen gesehen wird. Ob es auch so erkannt wird, wie es ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall gibt es schlechtere Orte, um wahrgenommen zu werden.

Ich schnappe mir jetzt meinen morgendlichen Café-to-go und das fettigste Schoko-Croissant der Welt. Es geht nach Ellis Island.

Hellwach in der Stadt, die niemals schläft

Sogar, oder gerade hier, wache ich um 5 Uhr morgens auf. Ich mache meinen endgültigen Frieden damit, dass ich ein Morgenmensch bin. Im Fahrstuhl begegne ich wenig später zwei Asiatinnen, die gerade völlig lediert von einer Partynacht zurück kommen. Ich ergebe mich meiner Kaffeesucht und beiße in das fettigste Schoko-Croissant, das ich jemals gegessen habe, während draußen Sirenen heulen. Als ich die Fenster zu meinem Schlafzimmer öffne, weil ich so den Wind spüren und den Duft der Stadt riechen kann, tut das Koffein seine Wirkung und ich bin hellwach. In der Stadt, die niemals schläft.

New York City Empire State Building Skyline

New York City hat einen ganz eigenen Rhytmus. Ich bin zum dritten Mal hier und bei jeder Begegnung treffe ich eine uralute Bekannte, die sich über die Jahre sehr verändert hat, im Kern aber die gleiche geblieben ist. Ich sage nicht, dass ich das ausschließlich gut finde. Städte sind wie Menschen. Manche von ihnen gehen in einem unglaublichen Tempo voran, setzen Trends, ziehen Massen an, werden gehyped und geheiligt, ob sie es wollen, oder nicht. New York City zeigt den Glanz und Glamour einer Außenwelt, den viele Menschen in ihrem Inneren suchen. Kurzweilig eingetaucht in den leuchtenden Bühnenstrahler des Big Apple, sind sie ein paar wenige Augenblicke Teil des Tempos, Teil des Trends, Teil des Hypes. Teil der atemberaubenden Geschwindigkeit, der Lebensfreude, des Humors, der bunten Vielfalt und Liebe zur Veränderung. New York ist noch mehr, als das. Es lässt Menschen vereinsamen, inmitten von Menschenmassen. Diese Stadt, in der ein Einzimmer-Appartement ohne Fenster 3.500 USD im Monat Wert zugesprochen bekommt, hält Obdachlose an jeder Ecke bereit.  New York City ist Gegensätzlichkeit, ist Polarität. Ein Spiegel, den das Leben mit bunten Neonröhren, Wolkenkratzern und verrückten Menschen (im besten Sinne) weit nach oben hält, damit wir ihn sehen können.

Empire State building new york city
Ich gucke hier also jeden Tag in meinen Stadt-Spiegel. Gestern Mittag schob ich mich, eingebettet in eine Welle von Touristen, auf die Spitze des Empire State Buildings. Mit Mama im Arm, Papa an meiner Seite und Jörn mit Phaedra im Herzen. Es passierten da hoch oben mehrere Dinge gleichzeitig:

Höhenangst, farewell!

Ich habe meine Angst vor Höhen verloren. S. hatte mir bereits angekündigt, dass die Angst davor zu fallen, quasi den Boden unter den Füßen zu verlieren, der Wink des Lebens mit dem Zaunpfahl ist, doch an dieser Stelle mal zu forschen. Es war wohl richtig, mir dieses Mal Fügel wachsen zu lassen. Richard Branson schrieb neulich, dass manche von uns den freien Fall einfach geil finden und jeder Mensch Angst vor dem Sprung hat, weil der Aufprall weh tun könnte. Versprochen, DER TUT HÖLLISCH WEH! Und Liegenbleiben ist keine Option. Wunden lecken, Pflaster drauf und wieder nach oben klettern. Während dem Aufstieg guckst Du mal um Dich und schaust, wer Dir helfen kann, Deine Flügel zu finden.  Das Fliegen kann Dir niemand zeigen oder beibringen. Das lernst Du während dem Fallen. Wenn Du keine Ahnung hast, worauf Du klettern sollst, melde Dich bei mir. Zur Überprüfung des aktuellen Fortschritts muss es ja nicht gleich das Empire State Building sein. Der Alte Peter in München tut es auch.

Heute morgen habe ich mich in einen Glasfahrstuhl gestellt, bin in den 14. Stock gefahren und dann wieder runter auf Ebene 0. Mit der Stirn an der Glasfront und Blick nach unten. Liebes Leben: I fu***ing got it!

Mamas leuchtende Kinderaugen mit 59. Jahren


Das nächste, was dann auf der Plattform des Empire States geschah, war meine Bestätigung, dass es nicht die Attraktionen der Städte sind, die eine Städtereise wundervoll machen. Es sind die Menschen, die ich treffe. Es sind jene, die ich an meiner Seite habe und solche, an die ich mich erinnere. Einer der (ernsthaft) größten Wünsche meiner Mama war es, einmal zu Weihnachten unter dem Weihnachtsbaum des Rockefeller Centers in die Kamera zu Lachen. Überhaupt in New York City zu sein. Also blickte sie, mit ihren fast 60 Jahren, aus leuchtenden Augen, windzerzausten Haaren (da oben windet es ganz schön) und roten Bäckchen über die Dächer der pulsierenden Stadt. Während sie drüber blickte, blickte ich hinein. Wir sind dann später in der Nacht nochmal wieder gekommen. Im Dunklen sehen wir die Dinge manchmal anders. Weit von oben, aus einer anderen Perspektive, kommt uns alles sogar in Form von kleinen Lichtpunkten entgegen.

Es ist jetzt 8.30 Uhr in Manhattan. Ich gehe jetzt wieder los, in den Stadtspiegel gucken.

Das kann man von Jon Snow sicher lernen

Achtsamkeit findest Du an jeder Ecke – sogar in Game of Thrones. Ja, ich hab nicht schlecht gestaunt! Als modernes Schlagwort getarnt, reiht sich Achtsamkeit für mich direkt ein neben Nachhaltigkeit. Kaum jemand hat gespürt, was beide Modewörter in der Tiefe bedeuten. Zum Einstimmen schreiben schon mal unzählige Autoren dazu, quasi das Warmlaufen vor dem eigentlichen Tun im Nichtstun.

Ich möchte eine Sache vorneweg klarstellen: Ich weiß nicht, was Achtsamkeit bedeutet.

Lektionen in Achtsamkeit
Vorige Woche hat mir S. (die namentlich nicht genannt werden will, weil sie das Internet als moderne Pest ansieht) die nächste Lektion in Achtsamkeit erteilt. Ich wusste danach, dass ich echt nichts weiß. Diese Erkenntnis hatte Ygritte ebenso wie Sokrates, ich hinke wohl in mancherlei Hinsicht der Menschheit hinterher. Vielleicht liegt es auch in einer gewissen Naivität verankert, welche die Jon Snows dieser Welt begleitet, dass wir an Gemeinschaft glauben und für sie eintreten, während andere die Messer hinter unseren Rücken wetzen. Mich begleitet auch ein Geist, meiner heißt Phaedra. Die Hinweise verdichten sich.

Tja, nun schreibt George Martin keine meiner Lebensgeschichten… oh Gott, zumind
est hoffe ich das?! Haben wir vielleicht…alle was übersehen? Scherz beiseite…

Was haben Achtsamkeit und Jon Snow gemeinsam?
Was ich weiß ist, dass ich nichts weiß. Ich danke Sokrates von Herzen, dass er das schon mal für die Menschheit klar gestellt hat. Damit möglichst viele Menschen nochmal dran erinnert werden,Jon Snow Game of Thrones Achtsamkeit hat Sokrates seine Idee in George Martins Kopf gepflanzt und Ygritte nochmal mit einem Satz ins Rennen geschickt, der die Welt umrundet hat. Massentauglich und multimedial: „You know nothing, Jon Snow!“

Klasse Marketing, Sokrates! Es steht jetzt auf T-Shirts, Bildschirmschonern, Youtube, Twitter, Facebook, Instagram usw.

So müssen wir das Rad nicht nochmal erfinden, auch wenn wir Altbekanntes gerne mal aus Neuentdeckung verkaufen. Seit ich weiß, dass ich nichts weiß, lebt es sich leichter für mich. Ich vergesse nur manchmal, dass ich nichts weiß. Dann wird das Leben schwer. Wenn ich mich dann erinnere, dass ich nur Ideen von einer (meiner) Wirklichkeit habe, dann geht es wieder. Schwupps, wird das Leben wieder ganz leicht.

Das erste Fazit in der Achtsamkeit
Eine Lektion in Achtsamkeit. Ich weiß, dass ich nichts weiß und erinnere mich daran, sobald sich das Leben schwer anfühlt. Dann weiß ich wieder, dass ich nichts weiß und das Leben wird friedlich.

Me: “You know what, Jon Snow?”
Jon Snow: “Nothing?”
Me: “I don´t know.”

Was wäre wenn… Morning-Songs in Deinem Kopf gar kein Hirnspuk wären?

Nee, keine Sorge, ich bin nicht verrückt geworden und höre jetzt singende Stimmen in meinem Kopf. Was anderes ist am Start, Du kennst es sicher, dieses Phänomen: Du wachst auf und ein Lied spukt in Deinem Kopf umher. Was wäre wenn… dieser Hirnspuk gar keiner wäre?

Wenn man mit Shakespeare im Bett aufwacht
Heute Morgen bin ich mit den Shakespeare Sisters aufgewacht. Die Mädels hatten es sich mitten in meinem Gehirn breit gemacht mit ihrem Song „Hello, turn your radio on“. Da hab ich mich diesmal gefragt, ob ich vielleicht was verpasst hab und mehr dahinter steckt, als Synapsengewitter. Als ob da im Irgendwo irgendjemand säße, aus dessen Sicht gerade ein Wink mit dem Zaunpfahl in meine Richtung passiert. Meine Wenigkeit aber vor lauter Bäumen den Wald nicht sieht. Kann ja passieren, so was.

Ich hab mich also mal dran gemacht den Text zu googeln. Hallo?! Mach Dein Radio an. Das Radio ist in diesem Fall Deine Wahrnehmung, Deine hellwache Intuition und Dein begnadeter Geist.

Hirnspuk Lieder im Kopf

Da rennt sie betrunken durch die Straßen, so spät dran, dass bereits der Zeitungsjunge unterwegs ist und die neuesten Schlagzeilen durch die Gassen brüllt. Sie fühlt sich beschissen und ich glaube, eigentlich hätte der Alkohol das Gegenteil bewirken sollen. Wieso fühlt sie sich so niedergeschlagen, wenn doch überall gesagt, getwittert, geschrieben und gepostet wird, dass wir uns gut fühlen können, sollen, wollen und müssen. Da ruft sie am nächsten Morgen nach Hilfe, hinaus in die Welt. Ist da irgendjemand, der sie versteht und ihr helfen kann, ihr eigenes Lied zu singen? Das Lied, das ihr eigenes und selbstbestimmtes Leben ist, das nur ihr gehört und sie glücklich macht. Das Leben ist so verdammt seltsam. Gerade wenn Du glaubst, dass Du es kapiert und im Griff hast, rinnt es Dir durch die Finger und entgleitet. Wieder beginnst Du von vorne, bis Du an den Punkt kommst, in der Deine eigenen Wunden bedeutungslos werden und die der anderen erst recht. Du hast keine Ahnung wer Du eigentlich bist und musst mit Deinen Freunden zusammen sein, um überhaupt noch ein Gefühl zu spüren. Nun bekommst Du Honig serviert und fragst die anderen, ob er wirklich süß schmeckt, wenn Du ihn isst. Und ob man ihn mit den Händen oder besser mit den Füßen probiert? Hört eigentlich irgendjemand wirklich zu, wenn Du etwas sagst? Oder kann es sein, dass Du nächste Woche alles noch einmal erzählen musst?

Wow, das Mädel ist verzweifelt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie nicht alleine ist mit diesem Verlorensein, das sich unweigerlich einstellt, wenn Menschen nicht begreifen können, wer sie sind und was sie hier auf diesem Erdball überhaupt sollen. Mir ging es zumindest so, damals, als ich noch schlief während ich mühselig das tat, was ich als leben bezeichnete.

An jeder Ecke hängt ein Wegweiser für ein phantastisches Leben
Manchmal singt das Unterbewusstsein die Lieder, die wir brauchen, direkt nach dem Wachwerden, um wach zu werden. Nicht um den Tag zu beginnen, sondern die Suche nach uns Selbst. Ganz tief in unserem Kern steckt die Antwort auf alle Fragen. In einer Welt, in der Du für beinahe jeden Deiner Schritte und Entscheidungen eine vermeintliche Hilfestellung von Menschen bekommst, die es vermeintlich besser wissen wie es geht, ist für diese Wahrheit vielleicht noch wenig Platz.

Die Verantwortung für die eigene Wahrheit, die eigene Bestimmung, den eigenen Weg zu übernehmen macht Angst. Wo die Angst wohnt, ist der Mut der Nachbar und die Liebe wohnt zwischen den beiden. Und wenn der erste Schritt der ist, die Lieder im Kopf am Morgen als sanfte Wegweiser zu nutzen, dann machen wir das doch einfach.

Es tut nicht weh, versprochen. Ich sitze gesund und munter vor meinem Laptop und beginne jetzt den Tag. Vielleicht lese ich heute Abend Shakespeare vor dem Zubettgehen.

Lass krachen 😉

So schaffst Du Freiraum und Abgrenzung durch Pansengeruch

Für Momente, in denen Du Deine Ruhe vor Mitmenschen haben magst, empfehle ich folgendes: Einen Hund und ein Stück Pansen. Beides in Kombination schafft Freiraum binnen Sekunden. Hier kommt ein Beispiel aus dem erprobten Alltag.

Es ist Montag, 10. August 2015 und Jörn, Phaedra und ich sitzen mit 12 weiteren Yachties und solchen, die es werden wollen, im Prüfungszimmer bei ABC Wassersport in Münchens Pettenkoferstraße.

Abgrenzung Ruhe finden Freiraum schaffen zur Ruhe kommen
300 Fragen und hoffentlich auch die zugehörigen Antworten schwirren in meinem Kopf herum. Phaedra ist das alles egal – sie streckt sich mal wieder auf ihrer Decke unter dem Tisch aus und pennt ein. Als ich in meiner Tasche nach einem Stift krame, wird sie wach. Ich habe schließlich die Tüte mit den Lammohren berührt.
„Krieg ich eins?“ fragt ihr Blick.
Wenige Sekunden später höre ich zufriedenes Kauen und Jörn reißt entsetzt die Augen auf. Er sitzt eine Reihe neben uns.
„Was denn?“ zucke ich mit den Achseln.
Hier drin herrscht Totenstille. Alle gehen nochmal die Fragen für die Prüfung durch, deshalb sprechen wir nicht laut und kommunizieren über Blicke, Gesten und, in Jörns Fall, grunzen. Da kommt die Prüfungskommission herein.

Pansengeruch schafft Freiraum und Abgrenzung
Später erzählt Jörn mir, er hätte befürchtet, dass gleich Pansengeruch oder Schweineohrknacken den Raum durchzögen. Wenn man sich als Hundehalter so richtig unbeliebt machen will ODER ein Zugabteil ganz für sich selbst haben mag, dem empfehle ich, getrockneten oder frischen Pansen an den eigenen Hund zu verfüttern. Pansen macht einsam. Pansen schafft Freiraum. Pansen hilft bei sozialer Abgrenzung.

Pansen, das merken wir uns auch, verfüttern wir niemals in Prüfungssituationen. Außerdem solltest Du immer eine Mentholsalbe dabei haben, um sie Dir in die Nasenflügel zu schmieren.Prüfungsschein

Jetzt wird es hochoffiziell. Drei Prüfungsabgesandte kontrollieren Anwesenheit und Personalausweise. Anscheinend schicken Leute auch gerne mal Ghostwriter in die schriftlichen Prüfungen. Ein Prüfer hält die Ansprache, der andere teilt die Fragebögen aus. Ich sitze artig vor meinem Bogen und trage Namen (ja, diesmal Sabrina mit R und Rahtgens statt Krebs…), Anschrift und Matrikelnummer (20106827, nur so zum Spaß) ein. Wie damals an der Uni, denke ich. Nur diesmal in lustig und mit meinem Mann, der diese Erfahrung nicht allzu oft gemacht hat. Und da merke ich auch meinen 11 Semester-Drill, der wohl noch in mir steckt. Ich warte auf das „Start-Signal“ zum Beginn der Prüfung. Nach ein paar Minuten stelle ich fest, dass Jörn schon fast fertig ist… Man hätte auch ohne Start-Signal einfach anfangen können, aber einer der Prüfer tut mir den Gefallen und muntert mich auf, doch endlich die Fragen zu beantworten. Und das mache ich jetzt, mit dem Ergebnis, dass die erste Hürde Richtung Blauwassersegeln genommen ist:

WIR HABEN BESTANDEN!

Zuerst lehrt das Leben die Theorie – dann schickt es Dich in die Praxis
Kaum ein Lammohr später stehen Jörn, Hund und ich wieder zusammen in der Münchner Abendsonne und flanieren erleichtert Richtung Café Cord. Dort fläzen wir uns zwischen Sonnenschirmen und Gebüschen mit Hugo und Weißbier in eine Ecke – beflügelt auf der einen Seite, besorgt auf der anderen. Denn morgen wartet die weitaus härtere Prüfung, diesmal eine praktische und keine theoretische, auf unsere kleine Mannschaft: Phaedra werden an der Veterinärklinik der LMU zwei Knoten entfernt. Theorie war heute, morgen winkt die Praxis.

Zur inneren Gelassenheit finden im Kreisverwaltungsreferat (KVR) München

Gerade einmal vier Stunden hat es gedauert, bis ich im Kreise 169 weiterer Personen meinen neuen EU-Kartenführerschein beantragen konnte. Zur Prüfungsanmeldung zum Bootschein muss mein KFZ-Führerschein vorliegen. Nichtsahnend parkte ich im kühlen Parkhaus des KVR und begab mich in die Minen von Moria. Dass sich mir dabei die Gelegenheit bieten würde, die Tipps des Dalai Lama zu befolgen, wusste ich da noch nicht.

Ich hielt Wartenummer 854 mit einer Wartezeitangabe von 198 Minuten offen gestanden für einen Fehler im System der Anzeigentafel. Es war gerade Nummer 632 dran. Jetzt ist das KVR fortschrittlicher in der Technik, als man denkt. Ein Barcode ist auf den Wartezettel gedruckt und was mache ich mit Barcodes, wenn ich sie sehe? Richtig. Ich scanne sie. Natürlich mit barcoo. Jedenfalls sagte barcoo dasselbe, wie die Anzeigentafel vor mir und das machte mich stutzig. Ich vertraue barcoo, einfach und allein deshalb, weil ich notfalls Benny Thym persönlich einen Krug Wasser über den Kopf kippe, wenn es versagt. So stand ich nun, ich armer Thor und war so… tierisch angepisst, aber es half ja nix. Ich möchte schließlich segeln.

Was fängt man mit unerwartet langen Wartezeiten an?

Schritt 1: Kein Mangel, sondern ein Geschenk.
Du änderst als erstes Deine Wahrnehmung von „Alles scheiße!“ in „Oh, ein Geschenk.“ Das Leben hält Dir gerade zwei Tabletts hin. Auf dem einen Tablett liegen Wut, Nerv, Frust, miese Laune. Auf dem anderen Tablett liegen Ruhe, Zeit zum Nachdenken, Zeit für´s Sortieren und Ordnen, Zeit für Telefonate, Zeit für Emails, Zeit für einen Spaziergang, Zeit um neue Menschen kennen zu lernen, Zeit für einen Kaffee.

KVR 2Ich habe mich für Tablett „Oh, ein Geschenk.“ entschieden. Im 4. Stock des KVR befindet sich eine Cafeteria (schlimmer, als das SoWi Café im Oec damals – sofort ein Gefühl von Zuhause). Dort saßen erstaunlich wenige Leute! Wo waren die anderen 169 Menschen, die mir mein Wartezettel versprochen hat? Die saßen ernsthaft alle unten im Wartebereich F. Erstaunlich, wie viele Menschen sich für Tablett „Alles scheiße!“ entscheiden.

Schritt 2: Das Tablett leer futtern
Du schaust mal nach, was alles auf Deinem Tablett liegt. Dann machst Du Dich dran, das Tablett zu leeren.

Ich begann mit meinen Emails, führte Telefonate, futterte mein Mittagessen, machte einen Spaziergang, räumte mein Auto samt Kisten mit Trainingsmaterial aus und wieder ein. Überlegte mir neue Newsletter-Header und quälte meine SBF-Binnen App. Danach war mein Handy leer und anderthalb Stunden Warten lagen noch vor mir.

Schritt 3: Du starrst das leere Tablett an und spiegelst Dich darin
Wenn Du alles weggeputzt hast und sogar das Tablett spiegelglatt abgeleckt, sodass nicht ein einziger Krümel mehr übrig bleibt, dann kommt jetzt das größte Geschenk. Du hältst das Tablett wie einen Spiegel vor Dein Gesicht. Wen erwartest Du, darin zu sehen? Dich. Wie soll der Mensch aussehen, den Du anschaust? Angekotzt und genervt – oder gelassen und glücklich?

Es kam also der Punkt, an dem es nichts mehr zu erledigen gab. Jetzt war „Sitzen und Warten“ dran. Ich kenne die Nummer, ich mache das jeden Morgen. Ich sitze einfach nur herum. Es ist spannend, was dabei passiert. Alle möglichen Gedanken und Gefühle poppen jetzt hoch. Du heißt sie alle herzlich willkommen (ja, auch die Arschgeigen wie „Ärger“, „Frust“, „Angst“ usw.) und gibst ihnen die Erlaubnis, weiterziehen zu dürfen. Es geht in solchen Momenten nicht darum, sich gegen Gefühle zu wehren oder sie krampfhaft fest zu halten. Gefühle wollen einfach nur wahrgenommen werden. Sobald Du den Kopf dazu einschaltest und versuchst, sie zu erklären oder zu bändigen, lieferst Du Dich aus und sie bekommen Macht über Dich. Deine Entscheidung, jeden Tag. Wenn Du Ruhe in Deinem Leben wünschst, findest Du sie nachhaltig nur in Dir selbst. Im Zweifel sogar im KVR München, inmitten von Leuten, die Tablett „Alles scheiße!“ gewählt haben. Dieses Tablett übrigens, das füllt sich immer wieder von selbst. Kaum hast Du „Nerv“ gefuttert, kommt „Nerv“ nach. Du ahnst es: dieses Tablett wird niemals leer und Du wirst niemals fertig sein. Du wirst Dich niemals darin spiegeln können, weil es immer verschmutzt ist. Tablett „Alles scheiße!“ liefert Ärger. „Alles scheiße!“ kann aber nichts dafür! Es ist, was es ist. Wenn Du es auswählst, ist das Deine Schuld – nicht die vom Tablett.

Schritt 4: Life is life! Na na naaa naaa na.
Genug gesehen, genug gefühlt? Herzrhytmus langsam, Puls gesenkt, Arme und Beine lässig von Dir gestreckt? Jetzt kommt der lustige Part.

Mich hat eine TV-Serie in meinem Leben echt geprägt. Ally McBeal! Ally ist eine Anwältin, deren Gedanken bisweilen abgedreht und schräg sind, genau wie ihr Dasein an sich. Ally hat eine Lebenshymne. Meine ist „Searchin´my soul“ von Vonda Shepherd. Es eignen sich viele Songs als Lebenshymnen, finde ich. Vielleicht hast Du auch eine, ohne es zu wissen? Schau mal nach. Auf jeden Fall höre ich im Geiste „Searchin´my soul“, wenn ich die Menschen in meinem Umfeld wahrnehme und all den Frust und Ärger sehe, der in ihren Gesichtern parkt. Die Krux ist, dass ich das nur erkennen kann, wenn ich ruhig und bei mir bin. Schritte 1-3. Tablett „Oh, ein Geschenk.“ Das ist wirklich keine leichte Übung, dennoch wird sie leichter mit jedem Mal der Ausführung. Die Alternative kotzt mich ehrlich gesagt zu sehr an. Mir schmeckt „Alles scheiße!“ einfach nicht (mehr). Nun sitzt Du in solchen Momenten zwischen einer Horde (wir sind in Moria, denk dran) frustrierter Orcs, äh, Menschen und bist selbst die Ruhe in Person. Mach Dir mal den Spaß und sprich in einem solchen Zustand einen der Frust-Genossen an. Sei nachsichtig, der futtert seit drei Stunden von Tablett „Alles scheiße!“ und glaubt den Mist auch. Wenn er an die Decke geht, hat das nichts mit Dir zu tun! Frag was einfaches wie: „Wo haben Sie eigentlich Ihren letzten Urlaub verbracht?“

Ich sag jetzt nichts weiter. Tu es einfach!KVR München Führerschein KFZ Zulassung Führerscheinentzug Innere Gelassenheit

Schritt 5: Feiere Deine Erfolge!

Es ist 17.13 Uhr. Vier Stunden „Oh. Ein Geschenk.“ liegen hinter mir. Ich bin dankbar für meine Erkenntnis, dass ich wählen darf, ob ich mich aufrege oder nicht.

Vonda Shepherd trällert „Searchin´my soul“, ich kurve mit heruntergelassenen Fenstern durch Münchens Feierabendverkehr und spüre den Fahrtwind auf Armen und Gesicht. Jetzt fehlt nur noch der Geruch des Meeres und ein bisschen Gischt. Das Display meines Navis zeigt überall Stau. Im Radio werde ich aufgefordert, bestimmte Bereiche weiträumig zu umfahren. Wie durch ein Wunder fahre ich völlig ungehindert an den wartenden Autos vorbei und komme so schnell zu Hause an, wie noch nie während Feierabendverkehr und Touristeninvasion.

Nein, es ist kein Wunder. Tablettlieferservice „Alles scheiße!“ hat einfach unglaublich viel Zulauf. Die Schlange bei „Oh. Ein Geschenk.“ ist in der Regel sehr viel kürzer. Je nachdem, wo man sich einreiht, lernt man die einen, oder die anderen Menschen kennen. Ich wünsche Dir, der/die Du diese Zeilen liest, dass wir uns bald mal treffen, nachdem Du „Oh. Ein Geschenk“ leer gefuttert hast.

Ich bin neugierig – was machst Du so, wenn Du unerwartet lange Warten darfst?