Das Tun im Nichtstun

Der nächste Morgen begann offen gestanden mittags. Normalerweise stehen die Sonne und ich gemeinsam auf, doch offenbar war ich ins Schlafkoma gefallen, um all das Erlebte zu verdauen. Mit meinen wiederentdeckten Stärken ausgerüstet, werkelte ich in meiner kleinen Bordküche herum und setzte Kaffee auf. Unter Deck hatte ich ordentlich aufgeräumt. Feinsäuberlich stand Box neben Box und Buch neben Buch. Ein paar Schubladen hatte ich endgültig zu gemacht, in ein paar andere Stecke ich noch heute pauschal diverse Belange. Das Buch der Erwartungen war ausgelesen und reihte sich ein neben seines gleichen, wie etwa dem Buch über das richtige Frausein oder der richtigen Hundetrainerin. Ich strich noch ein letztes Mal über ihre Buchrücken und wusste, dass sie hier einstauben würden. Ich wollte sie nie wieder anrühren.

An diesem Tag lernte ich den Moment zu genießen.

Obwohl ich mich vollkommen euphorisch und Stärkengetränkt fühlte, hörte ich eine Stimme in meinem Inneren die sagte, dass heute ein Tag zum Genießen ist. Ich verließ mich also darauf, dass meine Neugierde auch am nächsten Morgen noch vorhanden war und überließ mich dem Nichtstun.

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Wer hätte gedacht, dass im Nichtstun wahnsinnig viel Tun liegt? Also ich ganz bestimmt nicht. Es passiert beim Nichtstun etwas ganz Abgefahrenes.

  1. Du bist aktiv, während Du nichts tust
    Beim Nichtstun gibst Du Dich voll und ganz jeder Handlung hin, ohne sie zu bewerten. Jede kleine Geste hat Deine volle Aufmerksamkeit. Beim Geschirrspülen sind all Deine Sinne und all Deine Gedanken nur bei diesem Teller, dieser Tasse, dieser Gabel… die Du gerade spülst. Du denkst dabei weder an Einkaufslisten noch an schreckliche Dialoge mit Kollegen. Wenn Du es tust, ist das okay, denn auch das ist nur eine Handlung. Mehr nicht.
  2. Beim Nichtstun beobachtest Du Dein Werk.
    Während Du nichts tust, bist Du stiller Beobachter Deiner Handlungen. Dabei kannst Du erkennen, wieviel Automatismus in Deinem Alltag Einzug gehalten hat. Automatische Handlungen sind solche, die man sonst nicht bewusst wahrnimmt. Gedanken gehören auch dazu.
  3. Du wirst stabiler, indem Du nichts tust
    Du wirst die Erfahrung machen, dass Du wächst, ohne das zu tun, was Du normalerweise dafür tust. Jede zielgerichtete Aktion hat mit dieser Art von Wachstum nichts zu tun. Damit sind Dinge wie Bücherlesen, Seminarebesuchen, Coachingtermine und Freundebefragen gemeint. Du bleibst einfach bei Dir und der Beobachtung Deiner Handlungen.

Mich strengte das Nichtstun zuerst an. Dann erfuhr ich, dass Anstrengung ein Indikator dafür ist, dass man das Nichtstun nicht begriffen hat. Ich tat also weiter nichts, bis es nicht mehr anstrengend war. Dann fühlte ich, wie sich das Nichtstun anfühlte und erkannte es von nun an öfters, wenn es da war. Dann merkte ich, dass es mir sehr schwer fiel, über das Nichtstun zu erzählen, geschweige denn, darüber zu schreiben. Ich danke an dieser Stelle Theo Fischer, der das für uns alle übernommen hat. Sein Buch heißt „Wu Wei“, falls Du es lesen magst.

Am nächsten Tag lernte ich meine Lehrmeister kennen. Diejenigen, die oft ungefragt mitten in mich hineinblicken konnten. Diejenigen, die Angst und Schrecken in mir auslösten und gleichzeitig in der Lage waren, mich zu halten und zu führen. Dorthin, wo ich mich selbst endlich so richtig kennen lernen konnte.

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Buchauswahl und Männerauswahl folgen demselben System

Was die Buchauswahl beim Packen mit der Auswahl meines Ehemannes zu tun hat, darum geht es jetzt. Bevor ich nach New York City geflogen bin, musste ich eine schwerwiegende Entscheidung treffen – im buchstäblichen Sinne. Es sind ja gerade mal 20kg, die ein Gepäckstück wiegen darf. Und meine Bücher, die sind schwer. Die wiegen was. Ich habe mich für meinen üblichen Lonely Planet entschieden und Adam Braun´s „The Promise Of A Pencil“.  Von vielen, vielen Büchern, hat es Adam Brauns geschafft. Meine Männerauswahl lief ähnlich ab.

pencils of promise adam braun new york

Als ich Adam Brauns Geschichte zum ersten Mal hörte und sah (weil Marie Forleo ihn glücklicherweise zu sich eingeladen hatte), plärrte ich Rotz und Wasser. Versteht mich nicht falsch, Adam war/ist ein netter US Amerikaner in den 30ern , mit stabilen Wurzeln und ohne tief erschütterndes Drama in seinem Leben. Was mich bei Adam Braun so unglaublich berührt hat, war die selbstverständliche Natürlichkeit im Umgang mit der Bedeutung seines Lebens. Mit seinem „purpose“. Das ist das englische Wort für Lebensauftrag, Daseinszweck, Mission, Bedeutung im Leben. Ich mag das Wort „purpose“, weil es so klar ist. Es ist nicht bis in die Unkenntlichkeit durch Esoterik verunstaltet worden, die jeden abhängt, der sich weigert, seinen Verstand an der Kasse abzugeben.

Adam Braun baut Schulen in Entwicklungsländern für Kinder. Falls Du Deinen „purpose“ kennst, dann weißt Du, wie es sich anfühlt, wenn Deine Mission auf eine ähnliche trifft. Lebensaufträge erkennen einander. Das Entspannende an der Klarheit zum eigenen Daseinszweck ist für mich, dass man dadurch auch alles andere erkennt, das nicht zu einem passt. Adam Braun und „Pencils of Promise“ passt zu mir. Genau wie mein Mann zu mir passt.


Am Klappentext erkennst Du Menschen, die zu Dir passen

Jörn ist der Autor seines wunderbaren Lebens und ich habe es in seinen Roman geschafft, genau wie er auf einigen meiner Seiten steht. Wenn Du zwei Autoren beauftragst, über ein und dasselbe Leben zu schreiben, bekommst Du zwei verschiedene Geschichten. Obwohl wir zusammen leben, schreibt Jörn eine andere Geschichte in sein Buch. Und ich schreibe andere Dinge in meines. Manchmal lesen wir dem anderen daraus vor, manchmal nicht. Manche Seiten sind geheim, die gehen nur mich etwas an. Manchmal wissen wir beide nicht, was wir als nächstes schreiben wollen, auf die leeren Seiten unserer Bücher. Keiner von uns käme auf die Idee, dem anderen sein Buch weg zu nehmen, um etwas hinein zu kritzeln, das uns gerade passen würde. Niemand kann die Geschichte eines anderen Menschen schreiben. Du kannst höchstens Glück haben, wenn Du einer der guten Hauptfiguren darin wirst.

Ich lese gerne Bücher, die etwas mit mir zu tun haben. Um einen guten ersten Eindruck zu kriegen, studiere ich den Klappentext. Es gibt Menschen, die haben keine Ahnung, was auf ihrem Klappentext stehen soll. Stell Dir vor Du suchst nach Deinem idealen Lebenspartner – oder willst Dich finden lassen. Wie soll das gehen, wenn ein Leser nur wirres Zeug auf Deinem Buchrücken liest? Oder noch schlimmer: Was, wenn das, was dort steht, gar nicht zu Dir gehört, weil jemand anderes für Dich Deine Geschichte geschrieben hat? Da ist es doch vollkommen logisch, dass Du entweder keine oder die falschen Leser ansprichst.

Wenn Du weißt, wer Du bist und wohin Deine Reise gehen soll, dann triffst und erkennst Du Menschen, die zu Dir passen. Das sind diejenigen, die Du auf Langstreckenreisen durch Dein Leben mitnimmst. Das sind diejenigen, denen Du am Lagerfeuer Deine Geschichte vorliest und denen Du zuhörst, wenn sie ihre eigene teilen. Wenn Du keine Ahnung hast, was Du in Dein eigenes Buch schreiben sollst, frag diejenigen, die bereits Bestseller veröffentlicht haben. Vielleicht ist es Dein Nachbar, ein Kollege, Steve Jobs oder Jeanne D’Arc. Ja, man kann auch von Toten lernen, geh in ein Museum oder lies ihre Werke.


Heute morgen (meine Zeit) rief ich spontan meinen Herzallerliebsten an. Das ist der Kerl, den ich vor 15 Jahren „zufällig“ auf einer Geburtstagsfeier getroffen habe – um ihn 15 Jahre später als denjenigen zu erkennen, mit dem ich durchs Leben reisen will. Mit Lebenspartnern ist es wie mit Büchern auf Langstreckenreisen. Du musst Dir schon gut überlegen, wen Du mit Dir tragen willst. Für mich kommen nur Bücher in Frage, deren Inhalt mich berührt. Ich muss ihren Geruch lieben und wenn ich über ihren Rücken streiche wissen, dass ich es immer wieder tun würde, weil es sich gut anfühlt.

In manchen Partnerschaften bist Du Wächter und gleichzeitig Gefangener

Jörn und ich gehen eher öfters als selten getrennte Wege. Es gibt Paare, die sind so miteinander verschmolzen, dass ich den einen kaum noch vom anderen Menschen unterscheiden kann. Die scheinen ihre eigenen Lebensbücher auf dem Standesamt verbrannt zu haben, um sich danach eines zu teilen. Bloß… Wer schreibt da wann was hinein? Wer schreibt am meisten, wer am wenigstens? Wer reißt Seiten raus oder diktiert dem anderen seine Geschichte? Das ist nicht nur mangelnde Eigenverantwortung für das eigene Leben. Das ist Gefangenschaft, bei der Du Wächter und gleichzeitig Gefangener bist.

Mein Mann antwortete heute morgen auf meine Aussage hin, dass ich ihn vermisse (und den Hund, wirklich in dieser Reihenfolge): „Oh man, wie schön. Ich bin aber ehrlich, ich genieße jede Sekunde hier, auch ohne Dich. Ein Mann und sein Hund, mehr brauche ich gerade nicht.“ Viele Frauen tendieren in solchen Momenten dazu, verletzt zu sein. In mir hat dieser Satz eine Welle der Liebe ausgelöst, weil ich es geschafft habe, eine Plattform mit diesem Mann zu bauen, auf der jeder mal ganz für sich alleine sein – und es angstfrei aussprechen kann. Einer von uns in New York City (während ich das hier schreibe im Starbucks, East 40th) und einer in München (Couch, mit Hund).

Mein Weihnachtswunsch am Ground Zero

Ich wünsche uns und unseren Kindern, dass sie eines Tages keine neuen Gedenkstätten mehr bauen müssen. Dass sie keine Relikte hinter Glasvitrinen ausstellen und auf Tafeln die Namen ihrer Toten schreiben. Ich wünsche uns und unseren Kindern die Erkenntnis, die es braucht, um aus den Fehlern der Gedenkstättenbauer der Vergangenheit zu lernen.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial

Die Wall Street schickt unaufhörlich ihren Lärm in meine Richtung und irgendwie schafft es dieser Ort doch, dass er eine friedliche Stille bewahrt inmitten von Manhattan. Es ist ein sonniger Morgen an diesem Dezembertag. Hin und wieder kommt ein kühler Wind auf, der die Blätter der jungen Bäume hier bewegt. Sie stehen noch nicht lange da. Nichts steht hier schon besonders lange. Ich höre Wasser plätschern und folge dem Geräusch. Langsam ahne ich, worauf ich mich gerade zu bewege. Eine weiße Rose hebt sich vom Bild der zigtausend Namen ab. Ich habe Ground Zero erreicht.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ein dicker Kloß formt sich in meinem Hals, je länger ich ihre Namen lese. Ich streiche darüber und frage mich, wer diese Frau war. Eine Mutter vielleicht, eine Schwester, beste Freundin, gute Kollegin. Sicherlich keine Heilige, ein ganz normaler Mensch vermutlich. Mit Ecken und Kanten. Hier, an diesem Ort, hat sie am 11. September 2001 ihr Leben verloren, zusammen mit beinahe 3.000 anderen Menschen. Anderen Müttern, Vätern, Brüdern, Kollegen. Jemand hat diese weiße Rose hierher gelegt. Dann setze ich einen Fuß vor den anderen und gebe 9/11 die Chance, mir beim Erinnern zu helfen.

Das letzte Mal, als ich an dieser Stelle stand, waren die Aufbauarbeiten noch in vollem Gange. Weder ein Museum, noch eine Gedenkstätte gab es hier 2011. Doch ich stand auch schon 1998 an diesem Ort. Ich habe sie gesehen, betreten, hier Blödsinn mit meinen Schulkameraden gemacht und eines unserer Klassenfotos aufgenommen, als die Welt uns zu Füßen lag. Das, was von ihnen übrig geblieben ist, habe ich heute in einem Museum wieder gesehen. An den Relikten der Twin Towers kleben Verzweiflung, Trauer, Machtlosigkeit. Das 9/11 Memorial mit seinem Museum unterscheidet sich von allen anderen „Sehenswürdigkeiten“ dieser Stadt.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
9/11 ist real. Bis auf ein paar Kinder, die hier herumrennen, haben alle Besucher diesen Tag miterlebt. Die meisten von uns vor Bildschirmen. Uns allen ist heute gemein, dass wir die Bilder der verzweifelten Menschen sofort wieder in unseren Köpfen haben. Wir sehen sie nicht nur vor uns, wir hören sie auch. Wir gehen die Treppen hinab, auf deren Stufen hunderte Menschen versucht haben, in Sicherheit zu kommen. Wir stehen auf den neuen Stufen der Stellen, an denen sie dennoch sterben mussten. Wir werden an jene erinnert, die aus den Fenstern sprangen und an jene, die im Einsatz starben, um andere zu retten.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ich komme in einen Raum, in dem die Bilder der Toten hängen. Ihre Namen stehen darunter und es gibt einen Computer, in den ich einen der Namen eintippe. Ein Mann wird mir angezeigt, er umarmt seinen Deutschen Schäferhund. Ich komme nicht umhin daran zu denken, dass nicht nur Menschen ihre Lieben verloren haben. Auch ihre Hunde warteten vergeblich auf Frauchens oder Herrchens Rückkehr an diesem Tag. Der Computer fragt mich, ob ich seiner gedenken und den Namen im Gedenkraum anzeigen will. Ich drücke „ja“ und gehe in einen dunklen Raum. Hier sitzen Menschen mit mir, die still den Stimmen der Familienmitglieder zuhören, die die Gesichter und Geschichten derer kennen, die wir nur als bloße Namen an dieser Wand draußen sehen. Wir blicken auf das Bild einer jungen Frau, sie war schwanger, als sie hier am 11. September starb. Ihr Vater erzählt uns von ihr.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial  Ground Zero 9/11 New York City Memorial

Ich gehe an einem gelben Teddybär vorbei. Er gehörte einem der Kinder, die im Flugzeug saßen.

Ich blicke auf Handys, Geldbörsen, Kopfhörer von Menschen, deren Namen darunter stehen. Das hier, das ist keine Glasvitrine mit mittelalterlichen Dolchen und Schwertern aus einer Zeit, die mir fern ist. Das hier ist meine Zeit, meine Welt, das sind meine Erinnerungsfetzen an diesen Tag, das ist ein Teil meiner Geschichte. Ich stehe hier umgeben von der Traumabewältigung von Familien, die ihre Angehörigen begraben mussten, weil ein paar Irre der Überzegung sind, dass der Tot von Menschen Freiheit bringt. Das, was ich in den Gesichtern der Besucher hier sehe, habe ich noch nie in einem Museum gesehen. Niemand lacht  oder geht gar achtlos irgendwo vorbei. Niemand drängt sich nach vorne oder reißt Witze. Keiner versucht hier altklug daher zu reden. Selbst als ich mich heimlich einer Gruppe anschließe, die einen Guide gebucht hat, bemerke ich den Unterschied: diese Geschichte an diesem Ort geht jedem hier mitten ins Mark. Auf jeden Fall habe ich nie Frauen und Männer gleichermaßen in einem Museum mit den Tränen kämpfen sehen.

Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ich stehe vor einer Wand mit tätowierten Männern. Auf ihren Rücken und Armen stehen die Namen ihrer Kollegen, Freunde und Familien. Die Twin Towers stehen noch beim einen, beim anderen gehen sie in Flammen auf. Zuerst denke ich, dass diese Männern nicht ganz richtig ticken. Wie kann man sich diese Tragödie auf dem eigenen Körper verewigen? Dann lese ich die Erklärung auf einer Tafel: „Für mich war es leichter, mit dem Schmerz in meinem Inneren klar zu kommen, als die Nadel ihn in meinen Körper gestochen hat.“ Hm. Ich kenne Menschen, die so leichter mit dem Tod umgehen können. Sogar ihre Hunde stehen dort. Ob Loslassen so funktioniert? Ich weiß es nicht.
Ground Zero 9/11 New York City Memorial
Ich wünsche uns und unseren Kindern, dass sie eines Tages keine neuen Gedenkstätten mehr bauen müssen. Dass sie keine Relikte hinter Glasvitrinen ausstellen und auf Tafeln die Namen ihrer Toten schreiben. Ich wünsche uns und unseren Kindern die Erkenntnis, die es braucht, um aus den Fehlern der Gedenkstättenbauer der Vergangenheit zu lernen.

This one goes out to the living who listen, write and sail.

 

Kreditkartenkarma versus Nachtruhe – sowas gibt´s

Nachdem ich mich vor zwei Tagen auf Liberty Island und Ellis Island in der Vergangenheit der Stadt bewegt habe, hat sich New York City gedacht: „So, jetzt fragen wir das Mädel mal, ob sie immer noch Bock auf uns hat!“ Begonnen hat das Ganze mit einer Kreditkarte, die das Leben mir einfach so in die Hände gespielt hat, damit ich…shoppen gehe, nehme ich an. Als ich das Plastikkärtchen bei der zugehörigen Bank abgab, standen dem Mann am Counter Tränen der Rührung in den Augen und eine Lobeshymne der Wertschätzung seinerseits begleitete mich zum Ausgang. Ob es nun Naivität ist oder eine von mir nimmer mehr hinterfragte Wertekonstruktion, eins ist sicher: Die polternde Asiatin um 1 Uhr nachts an meiner Schlafzimmertüre, die hatte ich wirklich nicht verdient. Das kam so:

Ich hatte meine Eltern zum Essen eingeladen, in meinen Hallen im sechsten Stock des POD 39. Es ist recht spät geworden gestern, für unsere Verhältnisse. Schließlich stehen wir um 5.30 Uhr auf, da bist Du fertig wie´s Brot um 22 Uhr. Wir schoben uns also unser letztes Stückchen Bagel in den Mund und tranken das letzte Schlückchen Wein und Bierlein in meinem Zimmer, um den Tag würdevoll zu verabschieden. Papa hatte die Türe noch nicht ins Schloss gezogen, als von draußen der Geruch von…frittierten Hühnerbeinen hereinzog? Mit Seetang umwickelt? Das Leben schickt Dir manchmal Botschaften, die Du einfach nicht im Moment erkennst. Die Erkenntnis kommt dann meist später. Ich hätte es ahnen müssen.

Ich schloss das Fenster und fiel bleischwer ins Bett. Mama und ich hatten Macy´s in den Knochen. Papa auch, vom hinterherlaufen (danke, Papa!). Jedenfalls umhüllte mich der süße Schlaf, bis mich ein unaufhaltsames Stakkato wach rüttelte. Es klopfte. Laut, energisch, durchdringend und wild entschlossen. Ich schielte auf die Uhr. 1 Uhr. Hätte ich gewusst, was als nächstes passierte, ich hätte vorher ein scheißkaltes Glas Wasser bereit gehalten, um es dem Mädel schwungvoll und nicht minder wild entschlossen ins Gesicht zu kippen.

Ich öffnete die Türe und siehe da: Schon wieder eine jener, deren Körper einfach weder für Kuhmilch noch Obstgärprodukte ausgelegt ist. Nur diesmal wollte sie in mein Zimmer und realisierte ihre Irrung erst, als mein Sturm über sie hereinbrach. Sie wird sich nie wieder in meine Richtung verirren. Nie, nie wieder 😉 Sicherheitshalber steht jetzt ein Glas kaltes Wasser direkt neben meiner Türe. You never know…

Heute Morgen geht also alles ein bißchen langsamer, was vielleicht ganz gut ist, um die Welt aus Papas Gemütlichkeit zu betrachten. Ich trinke verdammt viel Wasser, um auch Mamas Welt der stets gut gefüllten Blasen zu erforschen. So entwickle ich vermutlich ein tiefes Verständnis für das Anhalten, wenn andere noch schnell über die Straße flitzen, bevor die Ampel auf rot schaltet. Oder einen Blick für Toiletten und ihre Sauberkeit auf einer Skala von 1-10.

New York City, liebes Leben, netter Versuch aber… sucht Euch wen anders. Ich hab noch Bock.

My 50 cents to Guggenheim´s Alberto Burri

Ganz oben angekommen, lehne ich mich über das Geländer. Es geht spiralförmig runter von hier. An den Wänden erzählen Bilder von Alberto Burri über Alberto Burri und das, was er nicht in Worte packen konnte. Das ist milde ausgedrückt. Ich finde, sie schreien seinen Seelenschmerz mit vereinten Kräften in die weiße Halle des Guggenheim Museums. Vielleicht wird er sauber da, der Schmerz, und wird gewaschen von allen Besuchern, die das Trauma des Künstlers wahrnehmen können.

Wenn Du das Guggenheim Museum betrittst, erhältst Du gleichzeitig eine Einladung, eine Erlaubnis. Du darfst die Kunst auf Dich wirken lassen, sie darf mit Dir machen, was Du willst und zulässt. Das kommt mir entgegen. Ich habe es einfach gehasst, wenn mir in der Schule Bild- und Textinterpretationen vorgegeben wurden. Da sagte mir ein Lehrer, was ich zu denken und zu fühlen hatte, wenn ich etwas ansah oder las. Hier nicht. Meine Reise durch Burris Kriegstrauma und seinen Seelenschmerz beginnt mit einem Film. Still und tief grabend taucht Il Grande Cretto meine Sinne ein und bringt mich nach Gibellina, Sizilien. 

Wenn mir vor ein paar Jahren jemand gesagt hätte, dass ich mit ein paar Kunstliebhabern, Kunstprofessoren, Studenten und Händlern in New Yorks Guggenheim Museum völlig berührt staune – ich hätte ihm ein kühles Tuch auf die Stirn gelegt. Heute ergebe ich mich, mal wieder, und krame wie selbstverständlich meinen Notizblock raus. Ich schreibe alles auf, was das Landschaftskunstwerk mit mir macht.

Am 15. Januar 1968 wurde Gibellina durch ein Erdbeben zerstört. Alberto Burri schuf aus den Trümmern der Stadt ein riesige Kunstwerk. Wenn Du Lust hast, schau Dir seine Bilder kurz an und dann Gibellina. Der Kerl hat sich selbst in die Erde Siziliens geschnitzt und mit weißem Zement unsterblich gemacht. Irgendwie ist es das, was viele Künstler möchten, habe ich mir von einigen erzählen lassen. Unsterblich sein durch die Kunst, die sie schaffen. Am liebsten durch das eigene Werk in der Tiefe erkannt werden -von anderen. Schwieriges unterfangen, wenn man mich fragt.

Erst in diesem Jahr, 2015, wurden die Ruinen von Gibellina und Burris Kunstwerk fertig gestellt. Aus dem Leid und den Trümmern eines katastrophalen Erdbebens wurde eine weißes Abbild des Traumas eines Künstlers, das immer noch heilt, während es gesehen wird. Burris Trauma hat sich New York City und das Solomon Guggenheim Museum dafür ausgesucht. Sicher ist, dass es hier von vielen gesehen wird. Ob es auch so erkannt wird, wie es ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall gibt es schlechtere Orte, um wahrgenommen zu werden.

Ich schnappe mir jetzt meinen morgendlichen Café-to-go und das fettigste Schoko-Croissant der Welt. Es geht nach Ellis Island.

Hellwach in der Stadt, die niemals schläft

Sogar, oder gerade hier, wache ich um 5 Uhr morgens auf. Ich mache meinen endgültigen Frieden damit, dass ich ein Morgenmensch bin. Im Fahrstuhl begegne ich wenig später zwei Asiatinnen, die gerade völlig lediert von einer Partynacht zurück kommen. Ich ergebe mich meiner Kaffeesucht und beiße in das fettigste Schoko-Croissant, das ich jemals gegessen habe, während draußen Sirenen heulen. Als ich die Fenster zu meinem Schlafzimmer öffne, weil ich so den Wind spüren und den Duft der Stadt riechen kann, tut das Koffein seine Wirkung und ich bin hellwach. In der Stadt, die niemals schläft.

New York City Empire State Building Skyline

New York City hat einen ganz eigenen Rhytmus. Ich bin zum dritten Mal hier und bei jeder Begegnung treffe ich eine uralute Bekannte, die sich über die Jahre sehr verändert hat, im Kern aber die gleiche geblieben ist. Ich sage nicht, dass ich das ausschließlich gut finde. Städte sind wie Menschen. Manche von ihnen gehen in einem unglaublichen Tempo voran, setzen Trends, ziehen Massen an, werden gehyped und geheiligt, ob sie es wollen, oder nicht. New York City zeigt den Glanz und Glamour einer Außenwelt, den viele Menschen in ihrem Inneren suchen. Kurzweilig eingetaucht in den leuchtenden Bühnenstrahler des Big Apple, sind sie ein paar wenige Augenblicke Teil des Tempos, Teil des Trends, Teil des Hypes. Teil der atemberaubenden Geschwindigkeit, der Lebensfreude, des Humors, der bunten Vielfalt und Liebe zur Veränderung. New York ist noch mehr, als das. Es lässt Menschen vereinsamen, inmitten von Menschenmassen. Diese Stadt, in der ein Einzimmer-Appartement ohne Fenster 3.500 USD im Monat Wert zugesprochen bekommt, hält Obdachlose an jeder Ecke bereit.  New York City ist Gegensätzlichkeit, ist Polarität. Ein Spiegel, den das Leben mit bunten Neonröhren, Wolkenkratzern und verrückten Menschen (im besten Sinne) weit nach oben hält, damit wir ihn sehen können.

Empire State building new york city
Ich gucke hier also jeden Tag in meinen Stadt-Spiegel. Gestern Mittag schob ich mich, eingebettet in eine Welle von Touristen, auf die Spitze des Empire State Buildings. Mit Mama im Arm, Papa an meiner Seite und Jörn mit Phaedra im Herzen. Es passierten da hoch oben mehrere Dinge gleichzeitig:

Höhenangst, farewell!

Ich habe meine Angst vor Höhen verloren. S. hatte mir bereits angekündigt, dass die Angst davor zu fallen, quasi den Boden unter den Füßen zu verlieren, der Wink des Lebens mit dem Zaunpfahl ist, doch an dieser Stelle mal zu forschen. Es war wohl richtig, mir dieses Mal Fügel wachsen zu lassen. Richard Branson schrieb neulich, dass manche von uns den freien Fall einfach geil finden und jeder Mensch Angst vor dem Sprung hat, weil der Aufprall weh tun könnte. Versprochen, DER TUT HÖLLISCH WEH! Und Liegenbleiben ist keine Option. Wunden lecken, Pflaster drauf und wieder nach oben klettern. Während dem Aufstieg guckst Du mal um Dich und schaust, wer Dir helfen kann, Deine Flügel zu finden.  Das Fliegen kann Dir niemand zeigen oder beibringen. Das lernst Du während dem Fallen. Wenn Du keine Ahnung hast, worauf Du klettern sollst, melde Dich bei mir. Zur Überprüfung des aktuellen Fortschritts muss es ja nicht gleich das Empire State Building sein. Der Alte Peter in München tut es auch.

Heute morgen habe ich mich in einen Glasfahrstuhl gestellt, bin in den 14. Stock gefahren und dann wieder runter auf Ebene 0. Mit der Stirn an der Glasfront und Blick nach unten. Liebes Leben: I fu***ing got it!

Mamas leuchtende Kinderaugen mit 59. Jahren


Das nächste, was dann auf der Plattform des Empire States geschah, war meine Bestätigung, dass es nicht die Attraktionen der Städte sind, die eine Städtereise wundervoll machen. Es sind die Menschen, die ich treffe. Es sind jene, die ich an meiner Seite habe und solche, an die ich mich erinnere. Einer der (ernsthaft) größten Wünsche meiner Mama war es, einmal zu Weihnachten unter dem Weihnachtsbaum des Rockefeller Centers in die Kamera zu Lachen. Überhaupt in New York City zu sein. Also blickte sie, mit ihren fast 60 Jahren, aus leuchtenden Augen, windzerzausten Haaren (da oben windet es ganz schön) und roten Bäckchen über die Dächer der pulsierenden Stadt. Während sie drüber blickte, blickte ich hinein. Wir sind dann später in der Nacht nochmal wieder gekommen. Im Dunklen sehen wir die Dinge manchmal anders. Weit von oben, aus einer anderen Perspektive, kommt uns alles sogar in Form von kleinen Lichtpunkten entgegen.

Es ist jetzt 8.30 Uhr in Manhattan. Ich gehe jetzt wieder los, in den Stadtspiegel gucken.