Was uns Menschen Stärke im Leben gibt (aus: Die Glückwelle im Leben surfen)

Ich hielt schließlich die Erwartungen in den Händen, die andere Menschen an mich stellten. Korrekter betrachtet: Ich hielt die Erwartungen in den Händen, von denen ich GLAUBTE, dass andere Menschen sie an mich stellten. Kollegen, Kunden, Freunde, Eltern, Partner, Vermieter, Nachbarn…  ich blätterte durch die Seiten dieses Buches, in dem all meine Erwartungen an mich durch andere Menschen gelistet waren. Ein irre dicker Wälzer. Wie ich es jemals geschafft haben soll, all diesen Erwartungen zu entsprechen, war mir nun ein Rätsel. Das war einfach menschenunmöglich! Ich fühlte mich mit einem mal schwach und nutzlos.

Gerade, als ich zum Kapitel mit den Erwartungen meiner Verwandten kam, stieß mein Boot unsanft gegen irgendwas, das einen lauten Knall und Ruck verursachte. Ich wurde unsanft hin und her geschaukelt, sodass ich mich an den Seilen über meinem Kopf festhalten musste, die eigentlich für Lebensmittelnetze gedacht waren. Im Bauch meines Bootes konnte ich nicht sehen, was den Aufprall verursacht hatte. Also schob ich mich durch die Luke und ließ meinen Blick über das Meer gleiten. Der Wellengang war sanft, es ragten weder Felsen, noch Treibgut aus dem Wasser. Ich hatte ja Kurma in Verdacht, wobei sie bestimmt mit weniger Krach auf sich aufmerksam gemacht hätte. Dieses laute Poltern war nicht ihr Stil.

Dann erschreckte ich mich zu Tode.

An diesem Tag lernte ich meine Stärken kennen.

Wie hätte ich ihn auch kommen sehen sollen? Er war schließlich lebendig und hatte nicht ansatzweise im Kopf, leicht sichtbar aus dem Wasser zu ragen, damit ich mir in Ruhe ein Bild von ihm machen konnte. Er war so riesig. Ich muss mit offenem Mund minutenlang dagestanden haben, während ich ihn bei seinen akrobatischen Sprüngen direkt neben meinem Boot beobachtete. Für einen ausgewachsenen Buckelwal war er ganz schön glatt. Und einfach gigantisch. Ich schwankte zwischen Angst und Faszination. Er zog mich an und verschreckte mich gleichermaßen. Schließlich beendete der Wal seine Show und glitt behände in meine Richtung. Langsam schob ich mich zur Reling vor und lugte vorsichtig darüber.

balo

Zur Begrüßung schoss mir ein Wasserstrahl ins Gesicht. So stellte sich Balo erstmals vor. Das Buch der Erwartungen flog hochkant über Bord. Zwar hatte ich es nicht willentlich fallen gelassen, dennoch machte sich mit einem Mal etwas anderes, als dieses schwächende Gefühl der Nutzlosigkeit in mir breit.

Im nach hinein betrachtet war das genau seine Art mich aufzulockern und gehört zu jenen Eigenschaften, die ich heute so an ihm liebe. Er klappte sein Atemloch nach diesem kleinen Witz zu und drehte sich auf die Seite, sodass er mich sehen konnte. Wir musterten uns gegenseitig. Balo hatte wunderschöne Augen. Ich weiß, es klingt seltsam, das von einem Wal zu behaupten. Es geht bei dieser Schönheit auch um etwas sehr persönliches. Wenn Du in die Augen eines anderen Lebewesens schaust und etwas spürst, das sonst nicht da ist – dann wecken diese Augen eine Schönheit, die nur Du kennst. Hinter jedem Gefühl in uns verbirgt sich eine Schönheit, in wirklich jedem. Auch in solchen, die sich furchtbar anfühlen. Im ersten Moment.

Es empfiehlt sich, nicht jedem Tier minutenlang in die Augen zu starren. Bei einem Wal geht das, der hält das aus. In unserem Fall, also Balos und meinem, hielt ich dem Blick des Meeresriesen nicht lange stand. Er war mir unheimlich, ich hatte Angst. Ich fühlte mich gleichzeitig zu ihm hingezogen und wollte ihm nahe sein. In mir tobte ein Gefühlschaos, während mich dieser blau-braune Blick unaufhörlich beobachtete.

Wal Whale Walauge Stärke

Auf dem Rücken meiner Stärken
Mit einem tiefen Atemzug tauchte der Gigant schließlich ins tiefe Meer hinab. Ich schwankte zwischen Erleichterung und Verlustangst, die jedoch nur Sekunden andauerte, denn mit einem Mal gewann mein Boot an Geschwindigkeit und schoss geradezu über die Wellen. Balo hatte sich die Ankerkette gepackt und zog mich nun hinter sich her. Seine Stärke machte mich sprachlos. Gut, ich hatte zwar einiges an Ballast über Bord geworfen, aber das Boot war trotzdem noch tonnenschwer!

Nach einer Weile gewöhnte ich mich an die rasante Geschwindigkeit und glaubte nun auch, dass er mich nicht rücklings unter Wasser ziehen und ertränken wollte. Ich beschloss vorsichtig, dass es ungefährlich sein würde, mit einem Glas Wein an Deck die Fahrt zu genießen. Also lehnte ich mich gemütlich an die letzte Kiste mit Ballast an Deck. Ich betrachtete die Sonne, die sich gleich in dieses leuchtende Abendrot verwandeln würde, das mich so manches Mal im Leben beeindruckt hatte. Das ich so manches Mal im Leben einfach nicht beachtet hatte, obwohl es immer da war – manchmal nur hinter Wolken verborgen, aber es war da. Ich atmete die salzige Abendluft tief ein und nippte an meinem Weinglas. Der Fahrtwind blies mir die Haare ins Gesicht. Ich beschloss gerade, mir ein Haargummi zu besorgen, als das Boot langsamer wurde. Ich kletterte zum Bug und linste vorsichtig zu meinem kraftvollen Kapitän unter Wasser.

Ein riesiger Wasserstrahl schoss mitten in mein Gesicht. Er hatte es wieder getan!
„Balo!“ prustete ich entrüstet und wischte das Meereswasser aus meinen Augen. Klebt an Wasser aus Walatemlöchern eigentlich…Walnasensekret?
Wir kannten uns erst wenige Augenblicke, trotzdem hatte ich das Gefühl, mit diesem Koloss seit Urzeiten zusammen zu sein.
Er drehte sich wieder zu Seite, aber diesmal blickte er nicht mitten in mein Herz, sondern platschte mit seiner riesigen Flosse munter auf die Wasseroberfläche.
„Was willst du mir sagen?“ fragte ich ihn.
Wieder platschte er mit seiner Flosse.
Irgendwie war der Dialog mit Kurma leichter vonstattengegangen. So paradox es war, aber die Stille sprach um Längen lauter und deutlicher, als dieser Kamerad hier.
Kurma. Wo sie wohl gerade war?

Mit einem Mal wurde die Welt wieder still um mich herum und ich verstand, was Balo mir sagen wollte. Dies war der erste Augenblick in meinem Leben, als mir klar wurde, dass ich andere Lebewesen dann verstehen konnte, wenn ich ruhig war. Wenn Stille ihren Platz einnehmen durfte.
„Komm zu mir herunter! Ich mag dir etwas zeigen!“ sprach Balo. Eigentlich singt Balo eher, als dass er spricht. Auf jeden Fall klingt er unglaublich berührend. Wenn Du noch nie einem Wal zugehört hast, solltest Du das unbedingt nachholen.

„Wie, da runter ins Wasser?“ Das konnte nicht sein ernst sein.
„Bist du aus Zucker?“ entgegnete er.
Der Fisch war schlagfertig.
„Ich bin ein Säugetier, kein Fisch“ unterbrach er meine Gedanken.
Das Säugetier konnte Gedanken lesen.

Balo trug mich schließlich auf seinem Rücken ein gutes Stück weg vom Boot. Trotz meiner Angst, oder gerade wegen ihr, konnte ich es kaum erwarten, was er mir zeigen wollte. Nach einer Weile trieben wir auf dem Ozean und ich verstand, weshalb die Menschen vor langer Zeit geglaubt hatten, die Welt sei eine Scheibe. Im Schneidersitz auf einem Wal, im Ozean dieses Lebens treibend, beobachtete ich, wie das letzte Fünklein Sonnengelb am Horizont ins Meer hinabtauchte. Die Nacht legte ihren Mantel um uns. Wenn es einen Gott gab, dachte ich in diesem Moment, dann wusste er, wie man Akzente setzte. Überall tauchten glitzernd die Sterne am Himmel auf. Der Wind hatte sich wohl ebenfalls schlafen gelegt und so war es angenehm warm. Wusstest Du, dass Wale eine warme Haut haben? Man muss nur lange genug auf ihnen reiten, dann spürt man das.

Wer nach den Sternen greift, findet die Meister unter den Stärken
Ich erinnere mich nicht mehr, wer von uns beiden zuerst die Idee gehabt hatte. Balo behauptet, dass ich es gewesen bin. Ich vermute eher, dass er es war. Der Idee war es egal, wer sie geboren hatte, deshalb erzähle ich jetzt einfach, was als nächstes passiert ist:

Hier geht es weiter…

Teil 1 verpasst? Klicke hier.

 

 

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