Ballast über Bord und leichter leben

Wodurch mein CD-Player angesprungen war, wusste ich nicht. Jedenfalls weckte mich Phillip Poisel und sang

„Und noch in keinem Hafen,
das wird mir langsam klar,
bin ich je eingeschlafen,
in dem ich wach geworden war.“

So ging es mir auch, gerade. So ging es mir schon immer, nur erkannte ich das jetzt und damals eben nicht. Ich sah mich um. Anscheinend war ich zuvor so müde gewesen, dass ich mich nicht mehr erinnerte, unter Deck gegangen zu sein. Hier sah es wüst aus. Ich hatte lange nicht mehr aufgeräumt. Überall lagen Gegenstände herum, manche davon waren längst kaputt. Plötzlich störten sie mich. Ich schwang mich aus meiner Koje und begann aufzuräumen.

An diesem Tag lernte ich zwei Dinge:
1. mich von unnötigem Ballast zu verabschieden.
2. meine Stärken willkommen zu heißen.

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Projekt „Aufräumen“: Über Bord werfen, was nicht mehr gebraucht wird
Ich war erstaunt, wie viel ich mit mir herumschleppte, das meinem Boot unnötige Schwere verlieh. Bis in meine Kindheit zurück hatte sich der Ballast angesammelt! Ich nahm mir die Zeit und sah einiges von dem an, was ich über Bord werfen wollte.

Ich hielt Freundschaften aus Kindheitstagen in den Händen. Damals waren sie wichtig für mich, damit ich lernen konnte, wie sich Freundschaft anfühlte. Wie sie entstand und fortbestand. Wie sie endete. Ein alter Schmerz haftete an einigen von ihnen und ich begriff, dass sie nun gehen konnten. Ich hatte meine Lektionen gelernt und brauchte sie nicht länger krampfhaft festhalten. Sie versorgen, obwohl sie nur Zeit und Energie fraßen oder im Regal verstaubten und Platz einnahmen. Sie hatten mir einmal viel bedeutet, deshalb ließ ich sie behutsam ins Wasser gleiten und sah ihnen nach, wie sie davon schwammen. Fort war er nun, der Schmerz mit der Erinnerung. Zurück blieb Dankbarkeit. Die behielt ich und stellte sie ins Regal zu meinen Freunden. Zu jenen, die ich behalten wollte.

Ich griff nach dem großen Karton mit Glaubenssätzen. In Klammern stand „Beliefs“ dahinter. Wenn es um exakte Worte und ihre Beschreibungen geht, bin ich eigen. Gerade was den Inhalt dieses Kartons betrifft, war ich unglaublich gründlich. Ich hortete geradezu Glaubenssatz um Glaubenssatz – leider in erster Linie die negativen. Ich leerte ihn schwungvoll aus und machte mich daran, die positiven von den negativen Glaubenssätzen zu trennen. Ganz unten im Karton pappte die Gebrauchsanleitung für Glaubenssätze. Ich hatte sie ewig nicht mehr gelesen und faltete das Dokument vorsichtig auseinander. Ich las:

„Glaubenssätze, im englischsprachigen Raum „Beliefs“ genannt, sind selbstgemachte Regeln von Menschen, an denen sie sich meist gedankenlos orientieren. Einer der meistgenannten Glaubenssätze lautet beispielsweise „Ich gerate immer an den falschen Partner“ oder „Andere können das besser als ich.“ Einem Menschen mit diesen beiden Glaubenssätzen werden immer wieder die falschen Partner begegnen. Schließlich glaubt er fest daran. Er wird sich auch immer wieder in Situationen begeben, in denen andere Menschen ein besseres Ergebnis erzielen, als er. Menschen bewerten diese Art von Glaubenssätzen als „negativ“.

Als „positiv“ werden Glaubenssätze bewertet wie „Ich bin liebenswert“ oder „Irgendwie schaffe ich es immer“. Menschen mit diesen Glaubenssätzen begegnen andere Menschen eher mit Zuneigung und Wertschätzung. Sie neigen außerdem dazu, schwierige Situationen im Leben zu meistern.

Die oben genannten Glaubenssätze können von ein und demselben Menschen stammen. So geschieht es im Leben eines Menschen meistens, dass er nur mühselig vorankommt. Da Menschen die Tendenz haben, sich eher auf die negativen Glaubenssätze zu konzentrieren, wird das Leben als leidvoll und schwer empfunden.

Anleitung zur Auflösung negativer Glaubenssätze
Nehmen Sie einen der Glaubenssätze aus Ihrem Karton/Truhe/Schachtel/Kopf – wo auch immer Sie Ihre Beliefs aufbewahren. Nun lesen Sie den Glaubenssatz laut vor (oder leise, je nachdem, ob Sie nicht gehört werden möchten).

Jetzt schreiben Sie ihn auf ein Blatt Papier. Schreiben! Nicht tippen.

Nun schreiben Sie zehn Situationen unter diesen Glaubenssatz, in denen das Gegenteil passiert ist.

Beispiel:
Glaubenssatz: „Ich flippe jedes Mal aus, wenn ich meinen Chef sehe“.

Das Gegenteil:
– Beim Sommerfest war er richtig witzig und ich habe mit ihm gelacht
– Beim Vorstellungsgespräch kam er mir sehr kompetent vor
– Als er mir gesagt hat, dass er früher Schluss macht, weil seine kleine Tochter krank ist
– Als ich erfahren habe, dass er eine Wanderung macht (ich wandere selbst gerne)
usw.

Auf diese Art und Weise entkräftigen Sie negative Glaubenssätze und können Sie verabschieden. Wenn Sie möchten, verbuddeln Sie das Papier mit dem negativen Glaubenssatz in der Erde, verbrennen ihn im Feuer oder lassen ihn ins Wasser gleiten. Denken Sie daran, dass ein Abschied respektvoll vonstattengeht.

Achtung: Diese Gebrauchsanweisung für Glaubenssätze gilt nur in Industrienationen! Hüten Sie sich davor, dieses Dokument und seinen Inhalt auf Menschen in Schwellenländern und Entwicklungsländern zu übertragen. Wir beglückwünschen Sie für Ihr Leben in Ihrer Nation und wünschen viel Erfolg bei Ihren Projekten im Leben.

Ich faltete die Gebrauchsanweisung wieder zusammen und legte los. Glaubenssatz um Glaubenssatz sortierte ich, schrieb Papier um Papier voll, und übergab dem Wasser in Dankbarkeit Belief um Belief. Nach und nach wurde mein Boot beweglicher und atmete erleichtert auf, als das schwere Gewicht des unnötigen Ballasts davon trieb.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann sortiert und verabschiedet sie noch heute…

Wenige Momente später kroch der Geruch von altem Papier und staubigem Einband meines Nase hinauf, während ich versuchte, das Buch der Erwartungen irgendwie bequem auf meinen Knien zu parken.

Weiter geht´s hier.

Teil 1 verpasst? Hier geht es zum ersten Kapitel.

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