Die Schildkröte, die niemals einen Ton von sich gibt, wenn sie spricht (aus: Die Glückswelle im Leben surfen)

Sie sah mich eigentlich nur an – und die Welt begann still zu stehen. Ein spiegelglattes Meer umschloss mein Boot und verband mich mit der Schildkröte, die niemals einen Ton von sich gibt, wenn sie spricht. Da wusste ich, wer sie war. Ich spürte es. Ich hörte es mit jeder meiner Zellen.

An diesem Tag lernte ich, wie Stille im Leben ein Rettungsanker wird.

„Ich bin die Stille. Wenn du ganz ruhig bist, kannst du meine Worte verstehen. Ich erzähle von allem, was bereits in dir wohnt.“ Mit diesen Worten verschwand sie. Tauchte ab ins tiefe Blau und ließ mich zurück mit dem lautesten Hall, den ich jemals vernommen hatte. Nur das Wasser und ich.
Es passiert vieles, wenn das Leben zum Stillstand kommt. Der Atem wird langsam und tief. Du hörst, wie Du atmest. Irgendwann begreifst Du, dass diese Handlung zu den wenigen gehört, die Du tatsächlich tun musst. Der Schlaf kam über mich. Er gehört auch zu jenen, die Menschen keine Wahl lassen. Du musst schlafen, früher oder später. Geweckt wurde ich von einem natürlichen Drang. Wenn jemand „mal muss“, dann ist das die beste Wortwahl, finde ich. Noch so ein „muss“ und kein „kann“. Ich hatte Durst und ich hatte Hunger. Das passiert einfach, genau wie das Atmen.

Sie hatte natürlich Recht behalten. Ich hörte ihre Stimme, obwohl ich sie nicht sehen konnte.
„Es stimmt, du kannst keine Entscheidung darüber treffen, ob du in diesem Leben atmest, jemals schläfst, isst oder trinkst. Das „ob“ gehört dir nicht. Du kannst etwas anderes tun: Das „wie“ liegt in deiner Hand!“

Wie will ich atmen? Tief.
Wie will ich schlafen? Erholsam.
Wie will ich essen und trinken? Gesund.

Ich ließ es nach einer Weile sein mich zu fragen, was ich an meinen Pinkelgewohnheiten ändern konnte. Wie will ich pinkeln? Sitzend?

Gründe, die einem den tiefen Atem verschlagen:
1. Hektik
Das, was sich mir als Geschäftigkeit und Fleiß vorgestellt hatte, war in Wahrheit pure Hektik gewesen. Sie hatte sich bloß maskiert und war als etwas aufgetreten, das in unserer Gesellschaft als „Vielbeschäftigt“ deklariert wird. Wer viel beschäftigt ist, der tut viel, erreicht viel, verdient viel, weiß viel, ist viel. Ich war sogar so sehr in die Hektikfalle geraten, dass ich geglaubt hab, die Früchte dieser Hektik seien mein Erfolg.

2. Ruhelosigkeit
Mir kamen Pausen wie Folter vor. Sobald ich aufhörte zu arbeiten, fühlte ich mich rastlos. Es schien mir falsch, etwas anderes zu tun, als zu arbeiten. Selbst Essen mit Freunden (wenn ich sie überhaupt noch traf), Telefonate mit meiner Familie oder DVD-Abende wurden zur Geduldsprobe. Die Arbeit war mein Leben und alles, was mich davon abhielt, war störend.

3. Achtlosigkeit
Ich hastete von Termin zu Termin und führte Telefonat um Telefonat. An manchen Tagen hätte ich nicht sagen können, mit wem ich eigentlich gesprochen hatte und um was es dabei ging. Ich wusste weder die Namen der Menschen, noch erinnerte ich mich an ihr Aussehen. Ich bemerkte den Jahreszeitenwechsel dann, wenn ich in Kleidung fror, die Wochen vorher noch gewärmt hatte. Am Abend entdeckte ich verschmierte Wimperntusche erst, wenn ich beim Zähneputzen zufällig in den Spiegel sah. Wie lange ich so herumgelaufen war, blieb immer das Geheimnis meiner Augen.

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Gründe, die einen nicht schlafen lassen:
1. Gedankenfeuer
Mal waren es kurze Schüsse, wie aus einer Pistole schnell hintereinander abgefeuert. Manchmal auch ganze Salven, so wie aus einem Maschinengewehr. Wenn ich richtig am Sack war, schlugen ganze Bomben in meinem Kopf ein. Jede Kugel brachte ein Thema mit sich: „Wieso versteht mein Chef mich nicht?“ oder „Bin ich wirklich geeignet dafür?“ oder „Habe ich die richtige Entscheidung getroffen.“ Die Liste war endlos und so auch meine Schlaflosigkeit.

2. Fernsehwahnsinn
Als wäre die Befeuerung meines Kopfes über den Tag nicht genug gewesen, ließ ich mich sogar im Bett noch beschallen und bebildern. Obwohl ich in manchen Nächten todmüde war, hielt ich mich krampfhaft wach, um nicht etwa Deutschlands neuen Superstar zu verpassen. Nicht auszudenken, was dann passiert wäre.

3. Matratzenkrampf
Es dauerte eine Weile bis ich kapierte, dass sich mein Körper auf Billig-Lattenrost von Poco und Aldi-Matratze einfach nicht erholen konnte. Also schlief ich jahrelang auf einem Möbel, das später selbst meinem Hund zu unbequem wurde.

Gründe, die einen krank werden lassen:
1. Fast-Food
Tatsächlich fand ich mich im Sumpf derer Leute wieder, die sich mittags und abends schnell irgendetwas Essbares rein pfeifen, nur um den Magen zu füllen, damit er die Klappe hält. Schnell verfügbar sind Essenslieferanten wie Mac Donalds oder Burger King, aber auch Döner Buden oder China Imbiss. Mich hielt nerviges Kochen vom Arbeiten ab, genauso wie Überlegungen zum Einkaufen.

3. Schlafentzug
Ich schlief schlecht – siehe oben. Ich war selbst im Nachthemd noch in Hektik und ruhelos.

4. Alkohol und Nikotin
Ich trank Rotwein, jeden Abend. Ein Glas mindestens, maximal zwei oder drei. Das mag nicht viel sein, dennoch war es eine Gewohnheit geworden, auf die ich nicht verzichten wollte – oder konnte. Begleitet von drei bis vier Zigaretten, wurde dieser Konsum zu einem Ritual vor dem Zubettgehen. Alkohol macht ruhig und das war es, wonach ich mich gesehnt hatte. Damals wusste ich noch nicht, dass echte Ruhe nicht von außen kommt.

Nun lehnte ich mich über die Reling und lauschte. Mir schien mein bisheriges Tun so unglaublich sinnlos. Ich fühlte eine Leere in mir, die gleichzeitig Befreiung und Last war. Sie waren weg, alle. Hektik, Ruhelosigkeit, Achtlosigkeit. Ich war ganz im Hier und Jetzt. Sie waren über Bord gegangen, das Gedankenfeuer, der Fernsehwahnsinn und Matratzenkrampf. Ich wollte unbedingt gesund werden.

Ich hörte bald nur noch das gluckernde Plätschern des Wassers. Und meinen Atem. Dann hörte ich gar nichts mehr und schlief ein.

Das, was bleibt, wenn Du nichts mehr tust, ist Stille. Sie trägt Ruhe im Gepäck und sorgt für tiefen Atem. Stille lässt Dich schlafen. Stille macht heile und gesund. Sie ist das lauteste, was ich jemals gehört habe. Sie trägt den Rettungsanker mit sich, den wir brauchen im Leben.

Teil 1 verpasst? Hier geht es zum Artikel.

Weiter geht´s mit „Bootskunde – wenn Du auf einem Katamaran einschläfst und auf einer Kielyacht aufwachst“

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Ein Gedanke zu “Die Schildkröte, die niemals einen Ton von sich gibt, wenn sie spricht (aus: Die Glückswelle im Leben surfen)

  1. Sabine 2. November 2015 / 10:03

    So schön und so wahr! Ich entspanne mich schon beim Lesen! Vielen Dank!

    Gefällt 1 Person

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