Nach den Sternen greifen für Anfänger (Aus: Die Glückwelle im Leben surfen)

Um die Sterne noch besser sehen zu können, kletterte ich auf Balos Kopf. Der Meeresgigant streckte sich soweit er konnte aus dem Wasser, damit ich dem Himmelszelt möglichst nahe sein konnte. So stand ich nun, die Arme zum Himmel gereckt mit den Sternen zum Greifen nah. Da geschah das Unfassbare, das Unmögliche, das Unbegreifliche. Einer der Sterne löste sich vom Mantel der Nacht und landete direkt in meinen Händen. Ich verlor das Gleichgewicht und taumelte unter der Wucht des Aufpralls meiner ersten Stärke.

Ihr Name ist Empathie.

Empathie Liebe Heinrich Heine
Vorsichtig legte ich meine Empathie auf Balos Rücken. Sie sah so zart und zerbrechlich aus, beinahe durchsichtig.
„Balo, was soll ich nur mit ihr machen? Sie wirkt so schutzlos.“
Der Stern leuchtete bei meinen Worten noch heller, ganz als wollte er sagen, dass ich mich tierisch irrte.
Irrte ich mich etwa?
„Leg dich zu ihr, ich passe auf euch auf“, riet Balo.
Also rollte ich mich auf dem Rücken meines Freundes zusammen, direkt neben meiner Empathie. Die hielt es nicht eine Sekunde ohne Körperkontakt aus und kuschelte sich dorthin, wo die Menschen behaupten, dass darunter das Herz verborgen liegt.

Balo sagt, dass die meisten Empathie-Sterne das Herz als Zuhause wählen. Manche wohnen lieber im Bauch. Es gibt Menschen, deren Empathie kaum vorhanden ist, weil ein anderer Stern dort Platz genommen hat. Balo sagt, dass das seine Richtigkeit hat. Dass alles seine Richtigkeit hat und ich mir keine Gedanken darüber machen soll, welchen Sinn ein Leben ohne Empathie hat. Das sei nicht meine Aufgabe und seine auch nicht. Trotzdem schmerzt es mich oft zu sehen, wie rücksichtslos Menschen manchmal sind. Balo sagt, dass ich das nur sehen kann, weil mein Empathie-Stern so hell leuchtet. Weil ich gesehen habe, wie durchsichtig und durchlässig sie ist, weiß ich jetzt auch, warum mich das Leid auf dieser Welt genauso trifft, wie jeder Funken Freude. Ehrlich, wenn Du auch einen Empathie-Stern vom Himmel gepflückt hast (es mag sein, dass Du Dich nicht mehr daran erinnerst!) wünsche ich Dir, dass Du dankbar für diese Stärke bist. Sie lässt Dich das Leben intensiv fühlen. Du kannst jederzeit das hautnah miterleben, was andere Menschen glücklich macht. Du kannst sie verstehen, ohne dass sie sprechen. Du blickst meilenweit tiefer in sie hinein, als Menschen mit kleiner oder keiner Empathie. Du kannst ganz leicht das geben, wonach sich alle Menschen sehnen: Liebe und menschliche Nähe. Das ist kein Fluch, das ist eine Gabe.

Stärken sind Geschenke, die niemand fürchten muss
Balo sagt, dass jede Stärke ein Geschenk ist. Er hat mir auch erklärt, dass viele Menschen Angst vor ihren Stärken haben, weil ihr Sternenlicht so hell leuchtet und beinahe blendet. Ich habe ihm geraten, dass es vielleicht weniger Angst einflößend wäre, wenn er den Leuten nicht so einen Schrecken einjagen würde, wenn er auftaucht – und sie vermutlich eher geneigt wären, auf seinen Rücken zu klettern, wenn man nicht ins kalte Wasser springen müsste dafür.

Da hat er nur gelacht und entgegnet, dass das Leben kein Ponyhof sei und die Ziege auch einen langen Schwanz haben wollte. Ich solle mal gucken, was sie stattdessen gekriegt hat.

Manchmal nervt Balo.

Als die Empathie und ich uns einig waren, an welcher Stelle meines Herzens sie einziehen sollte, war ich bereit, meine nächste Stärke kennen zu lernen. Es lag wohl in ihrer Natur, dass sie mit einem jenseits Feuerwerk  und in den schillerndsten Farben und Tönen direkt neben mir und Balo im Meer einschlug, sodass wir ordentlich durchgeschaukelt wurden. Gestatten, es stellte sich vor:

die Kreativität.

creativity Kreativität Albert Einstein

Ich mache es kurz, schließlich ist sie offensichtlich. Balo sagt, dass kreative Menschen die Welt verändern. Von den einen als Querulanten empfunden, lösen sie in anderen Bewunderung und Begeisterung aus. Balo nennt mich ein bisschen wirr im Kopf von Zeit zu Zeit. Ich selbst bezeichne meine kleinen Auszeiten als Ausflug in ein Überjetzt. Das ist der Ort, wo mein Papa und mein Bruder… nein, lassen wir das. Das führt zu weit.

Falls Du den Stern der Kreativität in Deinem Leben hast, gib ihm die Freiheit zu entscheiden, wie er aussehen mag. Lass ihn leuchten, wann immer er will. Gib ihm die Zeit, sich zurück zu ziehen und auch die Erlaubnis, sich zeigen zu dürfen. Die Welt braucht jemanden, der ihr Gesicht verändert. Vielleicht bist Du es ja?

Da Kreativität den Hauptteil meiner Reise gestaltet, kann sie auch damit leben, an dieser Stelle weniger Platz eingeräumt zu bekommen, als meine nächste Stärke. An ihr hatte ich weitaus mehr Zweifel, als sie in mein Leben trat, als an der selbstverständlichen Kreativität in meinem Leben.

Manche Sterne wollen gar nicht gepflückt werden
Im Gegensatz zur Kreativität also, ließ sich meine nächste Stärke nicht so einfach blicken. Es war schon so lange nichts mehr passiert, dass ich ungeduldig wurde. Das merkte Balo natürlich und bald ging ich ihm so sehr auf den Keks, dass er kurz davor war, Kurma zur Unterstützung zu rufen, als mir am Nachthimmel etwas Seltsames auffiel.

Ein neuer Stern war aufgetaucht. Ich hätte schwören können, dass der Stern vorhin noch nicht da gewesen war. Balo sagte, er leuchtete schon die ganze Zeit genau an dieser Stelle, ich hätte nur nicht richtig hingeschaut. Wie dem auch sei, dachte ich, und bat ihn, mich näher an den Himmel zu bringen.

Dieser Stern machte es mir wirklich nicht leicht. Anders als die Empathie und Kreativität, war dieser hier weder besonders zart noch bunt. Dieser hier war massiv, schien felsenfest verankert im Firmament der Dunkelheit und strahlte eine Mächtigkeit aus, die mich einschüchterte. Wie sollte ich nur an ihn herankommen? War er überhaupt für mich gedacht?

Balo spürte meine Unsicherheit.
„Woher weißt du, dass er für dich gedacht ist?“ fragte er mich.
Das war ja das Problem! Ich wusste es nicht.
„Was ist es, das dich an ihm fasziniert? Was spricht dich an?“ wollte er nun wissen.
„Er ist anders, als die anderen. Er scheint seinen festen Platz schon zu kennen. Er ist Stärke und Kraft. Die anderen reihen sich um ihn herum, er führt sie an, ohne sich über sie zu stellen. Er leuchtet weniger hell als die anderen, trotzdem wirkt er strahlender auf mich. Er gehört nicht zu den Majestäten unter den Himmelskörpern, er führt keine Massen an. Dennoch: sogar die Könige unter ihnen blicken wohlwollend auf ihn“, sprudelte es aus mir heraus.

Balo ließ mir noch einen Moment Zeit.

Dann antwortete er:
„Du blickst auf den Stern der Bestimmung. Manche nennen ihn den Lebensauftrag, andere Schicksal oder Berufung. Welchen Namen du ihm auch gibst, jetzt wo du ihn gesehen hast, wird dein Leben mehr und mehr einen Sinn für dich ergeben. Mal wirst du sofort Zusammenhänge erkennen, manchmal erst später. Der Stern der Bestimmung ist der Leitstern Deiner Stärken.“

Ich kenne den Grund nicht, weshalb ich den Blick vom Stern der Bestimmung nahm und stattdessen an mir selbst herunterschaute. Wahrscheinlich aber tat ich es, weil ich leuchtete. Von innen.

Bestimmung Schicksal Zufall Lebensauftrag Sinn des Lebens

Balo sagt, dass der Stern der Bestimmung nicht dazu gedacht ist, dass man ihn vom Himmelzelt pflückt. Das sei nicht nötig, sagt er. Schließlich trägt jeder Mensch in jeder Faser seines Körpers den eigenen Lebensauftrag stets bei sich. So sei das Erkennen dieses Sterns nur eine liebevolle Erinnerung daran, dass wir Menschen einen Grund haben, weshalb wir hier auf der Erde sind.

Am Ende dieser Nacht trug Balo mich sanft zu meinem Boot zurück und ich kletterte überwältigt von den Ereignissen müde auf mein schwimmendes Zuhause. Als ich mich in meine gemütliche Koje legte, da wusste ich, dass dieses Boot niemals untergehen würde. Dass es Angriffe von außen übersteht. Meine Stärken würden mich tragen und begleiten, überallhin. Würde ich das jemals bezweifeln, hätte ich einen Nachthimmel mit Sternen, der mich daran erinnerte, dass dieses Leben einen (unfassbaren) Sinn machte.

In dieser Nacht träumte ich vom Mantel der Nacht und seinen unzähligen Gestirnen. Im Traum flogen mir Gelassenheit, Kraft, Ausdauer, Zuversicht, Geschwindigkeit, Power, Energie, Humor und noch viele Sterne mehr in die Arme.

Als ich am nächsten Tag erwachte, war mein Boot übersäht von leuchtenden Himmelsfragmenten.

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Was uns Menschen Stärke im Leben gibt (aus: Die Glückwelle im Leben surfen)

Ich hielt schließlich die Erwartungen in den Händen, die andere Menschen an mich stellten. Korrekter betrachtet: Ich hielt die Erwartungen in den Händen, von denen ich GLAUBTE, dass andere Menschen sie an mich stellten. Kollegen, Kunden, Freunde, Eltern, Partner, Vermieter, Nachbarn…  ich blätterte durch die Seiten dieses Buches, in dem all meine Erwartungen an mich durch andere Menschen gelistet waren. Ein irre dicker Wälzer. Wie ich es jemals geschafft haben soll, all diesen Erwartungen zu entsprechen, war mir nun ein Rätsel. Das war einfach menschenunmöglich! Ich fühlte mich mit einem mal schwach und nutzlos.

Gerade, als ich zum Kapitel mit den Erwartungen meiner Verwandten kam, stieß mein Boot unsanft gegen irgendwas, das einen lauten Knall und Ruck verursachte. Ich wurde unsanft hin und her geschaukelt, sodass ich mich an den Seilen über meinem Kopf festhalten musste, die eigentlich für Lebensmittelnetze gedacht waren. Im Bauch meines Bootes konnte ich nicht sehen, was den Aufprall verursacht hatte. Also schob ich mich durch die Luke und ließ meinen Blick über das Meer gleiten. Der Wellengang war sanft, es ragten weder Felsen, noch Treibgut aus dem Wasser. Ich hatte ja Kurma in Verdacht, wobei sie bestimmt mit weniger Krach auf sich aufmerksam gemacht hätte. Dieses laute Poltern war nicht ihr Stil.

Dann erschreckte ich mich zu Tode.

An diesem Tag lernte ich meine Stärken kennen.

Wie hätte ich ihn auch kommen sehen sollen? Er war schließlich lebendig und hatte nicht ansatzweise im Kopf, leicht sichtbar aus dem Wasser zu ragen, damit ich mir in Ruhe ein Bild von ihm machen konnte. Er war so riesig. Ich muss mit offenem Mund minutenlang dagestanden haben, während ich ihn bei seinen akrobatischen Sprüngen direkt neben meinem Boot beobachtete. Für einen ausgewachsenen Buckelwal war er ganz schön glatt. Und einfach gigantisch. Ich schwankte zwischen Angst und Faszination. Er zog mich an und verschreckte mich gleichermaßen. Schließlich beendete der Wal seine Show und glitt behände in meine Richtung. Langsam schob ich mich zur Reling vor und lugte vorsichtig darüber.

balo

Zur Begrüßung schoss mir ein Wasserstrahl ins Gesicht. So stellte sich Balo erstmals vor. Das Buch der Erwartungen flog hochkant über Bord. Zwar hatte ich es nicht willentlich fallen gelassen, dennoch machte sich mit einem Mal etwas anderes, als dieses schwächende Gefühl der Nutzlosigkeit in mir breit.

Im nach hinein betrachtet war das genau seine Art mich aufzulockern und gehört zu jenen Eigenschaften, die ich heute so an ihm liebe. Er klappte sein Atemloch nach diesem kleinen Witz zu und drehte sich auf die Seite, sodass er mich sehen konnte. Wir musterten uns gegenseitig. Balo hatte wunderschöne Augen. Ich weiß, es klingt seltsam, das von einem Wal zu behaupten. Es geht bei dieser Schönheit auch um etwas sehr persönliches. Wenn Du in die Augen eines anderen Lebewesens schaust und etwas spürst, das sonst nicht da ist – dann wecken diese Augen eine Schönheit, die nur Du kennst. Hinter jedem Gefühl in uns verbirgt sich eine Schönheit, in wirklich jedem. Auch in solchen, die sich furchtbar anfühlen. Im ersten Moment.

Es empfiehlt sich, nicht jedem Tier minutenlang in die Augen zu starren. Bei einem Wal geht das, der hält das aus. In unserem Fall, also Balos und meinem, hielt ich dem Blick des Meeresriesen nicht lange stand. Er war mir unheimlich, ich hatte Angst. Ich fühlte mich gleichzeitig zu ihm hingezogen und wollte ihm nahe sein. In mir tobte ein Gefühlschaos, während mich dieser blau-braune Blick unaufhörlich beobachtete.

Wal Whale Walauge Stärke

Auf dem Rücken meiner Stärken
Mit einem tiefen Atemzug tauchte der Gigant schließlich ins tiefe Meer hinab. Ich schwankte zwischen Erleichterung und Verlustangst, die jedoch nur Sekunden andauerte, denn mit einem Mal gewann mein Boot an Geschwindigkeit und schoss geradezu über die Wellen. Balo hatte sich die Ankerkette gepackt und zog mich nun hinter sich her. Seine Stärke machte mich sprachlos. Gut, ich hatte zwar einiges an Ballast über Bord geworfen, aber das Boot war trotzdem noch tonnenschwer!

Nach einer Weile gewöhnte ich mich an die rasante Geschwindigkeit und glaubte nun auch, dass er mich nicht rücklings unter Wasser ziehen und ertränken wollte. Ich beschloss vorsichtig, dass es ungefährlich sein würde, mit einem Glas Wein an Deck die Fahrt zu genießen. Also lehnte ich mich gemütlich an die letzte Kiste mit Ballast an Deck. Ich betrachtete die Sonne, die sich gleich in dieses leuchtende Abendrot verwandeln würde, das mich so manches Mal im Leben beeindruckt hatte. Das ich so manches Mal im Leben einfach nicht beachtet hatte, obwohl es immer da war – manchmal nur hinter Wolken verborgen, aber es war da. Ich atmete die salzige Abendluft tief ein und nippte an meinem Weinglas. Der Fahrtwind blies mir die Haare ins Gesicht. Ich beschloss gerade, mir ein Haargummi zu besorgen, als das Boot langsamer wurde. Ich kletterte zum Bug und linste vorsichtig zu meinem kraftvollen Kapitän unter Wasser.

Ein riesiger Wasserstrahl schoss mitten in mein Gesicht. Er hatte es wieder getan!
„Balo!“ prustete ich entrüstet und wischte das Meereswasser aus meinen Augen. Klebt an Wasser aus Walatemlöchern eigentlich…Walnasensekret?
Wir kannten uns erst wenige Augenblicke, trotzdem hatte ich das Gefühl, mit diesem Koloss seit Urzeiten zusammen zu sein.
Er drehte sich wieder zu Seite, aber diesmal blickte er nicht mitten in mein Herz, sondern platschte mit seiner riesigen Flosse munter auf die Wasseroberfläche.
„Was willst du mir sagen?“ fragte ich ihn.
Wieder platschte er mit seiner Flosse.
Irgendwie war der Dialog mit Kurma leichter vonstattengegangen. So paradox es war, aber die Stille sprach um Längen lauter und deutlicher, als dieser Kamerad hier.
Kurma. Wo sie wohl gerade war?

Mit einem Mal wurde die Welt wieder still um mich herum und ich verstand, was Balo mir sagen wollte. Dies war der erste Augenblick in meinem Leben, als mir klar wurde, dass ich andere Lebewesen dann verstehen konnte, wenn ich ruhig war. Wenn Stille ihren Platz einnehmen durfte.
„Komm zu mir herunter! Ich mag dir etwas zeigen!“ sprach Balo. Eigentlich singt Balo eher, als dass er spricht. Auf jeden Fall klingt er unglaublich berührend. Wenn Du noch nie einem Wal zugehört hast, solltest Du das unbedingt nachholen.

„Wie, da runter ins Wasser?“ Das konnte nicht sein ernst sein.
„Bist du aus Zucker?“ entgegnete er.
Der Fisch war schlagfertig.
„Ich bin ein Säugetier, kein Fisch“ unterbrach er meine Gedanken.
Das Säugetier konnte Gedanken lesen.

Balo trug mich schließlich auf seinem Rücken ein gutes Stück weg vom Boot. Trotz meiner Angst, oder gerade wegen ihr, konnte ich es kaum erwarten, was er mir zeigen wollte. Nach einer Weile trieben wir auf dem Ozean und ich verstand, weshalb die Menschen vor langer Zeit geglaubt hatten, die Welt sei eine Scheibe. Im Schneidersitz auf einem Wal, im Ozean dieses Lebens treibend, beobachtete ich, wie das letzte Fünklein Sonnengelb am Horizont ins Meer hinabtauchte. Die Nacht legte ihren Mantel um uns. Wenn es einen Gott gab, dachte ich in diesem Moment, dann wusste er, wie man Akzente setzte. Überall tauchten glitzernd die Sterne am Himmel auf. Der Wind hatte sich wohl ebenfalls schlafen gelegt und so war es angenehm warm. Wusstest Du, dass Wale eine warme Haut haben? Man muss nur lange genug auf ihnen reiten, dann spürt man das.

Wer nach den Sternen greift, findet die Meister unter den Stärken
Ich erinnere mich nicht mehr, wer von uns beiden zuerst die Idee gehabt hatte. Balo behauptet, dass ich es gewesen bin. Ich vermute eher, dass er es war. Der Idee war es egal, wer sie geboren hatte, deshalb erzähle ich jetzt einfach, was als nächstes passiert ist:

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Ballast über Bord und leichter leben

Wodurch mein CD-Player angesprungen war, wusste ich nicht. Jedenfalls weckte mich Phillip Poisel und sang

„Und noch in keinem Hafen,
das wird mir langsam klar,
bin ich je eingeschlafen,
in dem ich wach geworden war.“

So ging es mir auch, gerade. So ging es mir schon immer, nur erkannte ich das jetzt und damals eben nicht. Ich sah mich um. Anscheinend war ich zuvor so müde gewesen, dass ich mich nicht mehr erinnerte, unter Deck gegangen zu sein. Hier sah es wüst aus. Ich hatte lange nicht mehr aufgeräumt. Überall lagen Gegenstände herum, manche davon waren längst kaputt. Plötzlich störten sie mich. Ich schwang mich aus meiner Koje und begann aufzuräumen.

An diesem Tag lernte ich zwei Dinge:
1. mich von unnötigem Ballast zu verabschieden.
2. meine Stärken willkommen zu heißen.

philipp poisel leben ballast leichtigkeit segeln sprüche

Projekt „Aufräumen“: Über Bord werfen, was nicht mehr gebraucht wird
Ich war erstaunt, wie viel ich mit mir herumschleppte, das meinem Boot unnötige Schwere verlieh. Bis in meine Kindheit zurück hatte sich der Ballast angesammelt! Ich nahm mir die Zeit und sah einiges von dem an, was ich über Bord werfen wollte.

Ich hielt Freundschaften aus Kindheitstagen in den Händen. Damals waren sie wichtig für mich, damit ich lernen konnte, wie sich Freundschaft anfühlte. Wie sie entstand und fortbestand. Wie sie endete. Ein alter Schmerz haftete an einigen von ihnen und ich begriff, dass sie nun gehen konnten. Ich hatte meine Lektionen gelernt und brauchte sie nicht länger krampfhaft festhalten. Sie versorgen, obwohl sie nur Zeit und Energie fraßen oder im Regal verstaubten und Platz einnahmen. Sie hatten mir einmal viel bedeutet, deshalb ließ ich sie behutsam ins Wasser gleiten und sah ihnen nach, wie sie davon schwammen. Fort war er nun, der Schmerz mit der Erinnerung. Zurück blieb Dankbarkeit. Die behielt ich und stellte sie ins Regal zu meinen Freunden. Zu jenen, die ich behalten wollte.

Ich griff nach dem großen Karton mit Glaubenssätzen. In Klammern stand „Beliefs“ dahinter. Wenn es um exakte Worte und ihre Beschreibungen geht, bin ich eigen. Gerade was den Inhalt dieses Kartons betrifft, war ich unglaublich gründlich. Ich hortete geradezu Glaubenssatz um Glaubenssatz – leider in erster Linie die negativen. Ich leerte ihn schwungvoll aus und machte mich daran, die positiven von den negativen Glaubenssätzen zu trennen. Ganz unten im Karton pappte die Gebrauchsanleitung für Glaubenssätze. Ich hatte sie ewig nicht mehr gelesen und faltete das Dokument vorsichtig auseinander. Ich las:

„Glaubenssätze, im englischsprachigen Raum „Beliefs“ genannt, sind selbstgemachte Regeln von Menschen, an denen sie sich meist gedankenlos orientieren. Einer der meistgenannten Glaubenssätze lautet beispielsweise „Ich gerate immer an den falschen Partner“ oder „Andere können das besser als ich.“ Einem Menschen mit diesen beiden Glaubenssätzen werden immer wieder die falschen Partner begegnen. Schließlich glaubt er fest daran. Er wird sich auch immer wieder in Situationen begeben, in denen andere Menschen ein besseres Ergebnis erzielen, als er. Menschen bewerten diese Art von Glaubenssätzen als „negativ“.

Als „positiv“ werden Glaubenssätze bewertet wie „Ich bin liebenswert“ oder „Irgendwie schaffe ich es immer“. Menschen mit diesen Glaubenssätzen begegnen andere Menschen eher mit Zuneigung und Wertschätzung. Sie neigen außerdem dazu, schwierige Situationen im Leben zu meistern.

Die oben genannten Glaubenssätze können von ein und demselben Menschen stammen. So geschieht es im Leben eines Menschen meistens, dass er nur mühselig vorankommt. Da Menschen die Tendenz haben, sich eher auf die negativen Glaubenssätze zu konzentrieren, wird das Leben als leidvoll und schwer empfunden.

Anleitung zur Auflösung negativer Glaubenssätze
Nehmen Sie einen der Glaubenssätze aus Ihrem Karton/Truhe/Schachtel/Kopf – wo auch immer Sie Ihre Beliefs aufbewahren. Nun lesen Sie den Glaubenssatz laut vor (oder leise, je nachdem, ob Sie nicht gehört werden möchten).

Jetzt schreiben Sie ihn auf ein Blatt Papier. Schreiben! Nicht tippen.

Nun schreiben Sie zehn Situationen unter diesen Glaubenssatz, in denen das Gegenteil passiert ist.

Beispiel:
Glaubenssatz: „Ich flippe jedes Mal aus, wenn ich meinen Chef sehe“.

Das Gegenteil:
– Beim Sommerfest war er richtig witzig und ich habe mit ihm gelacht
– Beim Vorstellungsgespräch kam er mir sehr kompetent vor
– Als er mir gesagt hat, dass er früher Schluss macht, weil seine kleine Tochter krank ist
– Als ich erfahren habe, dass er eine Wanderung macht (ich wandere selbst gerne)
usw.

Auf diese Art und Weise entkräftigen Sie negative Glaubenssätze und können Sie verabschieden. Wenn Sie möchten, verbuddeln Sie das Papier mit dem negativen Glaubenssatz in der Erde, verbrennen ihn im Feuer oder lassen ihn ins Wasser gleiten. Denken Sie daran, dass ein Abschied respektvoll vonstattengeht.

Achtung: Diese Gebrauchsanweisung für Glaubenssätze gilt nur in Industrienationen! Hüten Sie sich davor, dieses Dokument und seinen Inhalt auf Menschen in Schwellenländern und Entwicklungsländern zu übertragen. Wir beglückwünschen Sie für Ihr Leben in Ihrer Nation und wünschen viel Erfolg bei Ihren Projekten im Leben.

Ich faltete die Gebrauchsanweisung wieder zusammen und legte los. Glaubenssatz um Glaubenssatz sortierte ich, schrieb Papier um Papier voll, und übergab dem Wasser in Dankbarkeit Belief um Belief. Nach und nach wurde mein Boot beweglicher und atmete erleichtert auf, als das schwere Gewicht des unnötigen Ballasts davon trieb.

Und wenn sie nicht gestorben ist, dann sortiert und verabschiedet sie noch heute…

Wenige Momente später kroch der Geruch von altem Papier und staubigem Einband meines Nase hinauf, während ich versuchte, das Buch der Erwartungen irgendwie bequem auf meinen Knien zu parken.

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Die Schildkröte, die niemals einen Ton von sich gibt, wenn sie spricht (aus: Die Glückswelle im Leben surfen)

Sie sah mich eigentlich nur an – und die Welt begann still zu stehen. Ein spiegelglattes Meer umschloss mein Boot und verband mich mit der Schildkröte, die niemals einen Ton von sich gibt, wenn sie spricht. Da wusste ich, wer sie war. Ich spürte es. Ich hörte es mit jeder meiner Zellen.

An diesem Tag lernte ich, wie Stille im Leben ein Rettungsanker wird.

„Ich bin die Stille. Wenn du ganz ruhig bist, kannst du meine Worte verstehen. Ich erzähle von allem, was bereits in dir wohnt.“ Mit diesen Worten verschwand sie. Tauchte ab ins tiefe Blau und ließ mich zurück mit dem lautesten Hall, den ich jemals vernommen hatte. Nur das Wasser und ich.
Es passiert vieles, wenn das Leben zum Stillstand kommt. Der Atem wird langsam und tief. Du hörst, wie Du atmest. Irgendwann begreifst Du, dass diese Handlung zu den wenigen gehört, die Du tatsächlich tun musst. Der Schlaf kam über mich. Er gehört auch zu jenen, die Menschen keine Wahl lassen. Du musst schlafen, früher oder später. Geweckt wurde ich von einem natürlichen Drang. Wenn jemand „mal muss“, dann ist das die beste Wortwahl, finde ich. Noch so ein „muss“ und kein „kann“. Ich hatte Durst und ich hatte Hunger. Das passiert einfach, genau wie das Atmen.

Sie hatte natürlich Recht behalten. Ich hörte ihre Stimme, obwohl ich sie nicht sehen konnte.
„Es stimmt, du kannst keine Entscheidung darüber treffen, ob du in diesem Leben atmest, jemals schläfst, isst oder trinkst. Das „ob“ gehört dir nicht. Du kannst etwas anderes tun: Das „wie“ liegt in deiner Hand!“

Wie will ich atmen? Tief.
Wie will ich schlafen? Erholsam.
Wie will ich essen und trinken? Gesund.

Ich ließ es nach einer Weile sein mich zu fragen, was ich an meinen Pinkelgewohnheiten ändern konnte. Wie will ich pinkeln? Sitzend?

Gründe, die einem den tiefen Atem verschlagen:
1. Hektik
Das, was sich mir als Geschäftigkeit und Fleiß vorgestellt hatte, war in Wahrheit pure Hektik gewesen. Sie hatte sich bloß maskiert und war als etwas aufgetreten, das in unserer Gesellschaft als „Vielbeschäftigt“ deklariert wird. Wer viel beschäftigt ist, der tut viel, erreicht viel, verdient viel, weiß viel, ist viel. Ich war sogar so sehr in die Hektikfalle geraten, dass ich geglaubt hab, die Früchte dieser Hektik seien mein Erfolg.

2. Ruhelosigkeit
Mir kamen Pausen wie Folter vor. Sobald ich aufhörte zu arbeiten, fühlte ich mich rastlos. Es schien mir falsch, etwas anderes zu tun, als zu arbeiten. Selbst Essen mit Freunden (wenn ich sie überhaupt noch traf), Telefonate mit meiner Familie oder DVD-Abende wurden zur Geduldsprobe. Die Arbeit war mein Leben und alles, was mich davon abhielt, war störend.

3. Achtlosigkeit
Ich hastete von Termin zu Termin und führte Telefonat um Telefonat. An manchen Tagen hätte ich nicht sagen können, mit wem ich eigentlich gesprochen hatte und um was es dabei ging. Ich wusste weder die Namen der Menschen, noch erinnerte ich mich an ihr Aussehen. Ich bemerkte den Jahreszeitenwechsel dann, wenn ich in Kleidung fror, die Wochen vorher noch gewärmt hatte. Am Abend entdeckte ich verschmierte Wimperntusche erst, wenn ich beim Zähneputzen zufällig in den Spiegel sah. Wie lange ich so herumgelaufen war, blieb immer das Geheimnis meiner Augen.

Schildkröte Leben Wasser Stille Anker Rettungsanker Segeln Tauchen

Gründe, die einen nicht schlafen lassen:
1. Gedankenfeuer
Mal waren es kurze Schüsse, wie aus einer Pistole schnell hintereinander abgefeuert. Manchmal auch ganze Salven, so wie aus einem Maschinengewehr. Wenn ich richtig am Sack war, schlugen ganze Bomben in meinem Kopf ein. Jede Kugel brachte ein Thema mit sich: „Wieso versteht mein Chef mich nicht?“ oder „Bin ich wirklich geeignet dafür?“ oder „Habe ich die richtige Entscheidung getroffen.“ Die Liste war endlos und so auch meine Schlaflosigkeit.

2. Fernsehwahnsinn
Als wäre die Befeuerung meines Kopfes über den Tag nicht genug gewesen, ließ ich mich sogar im Bett noch beschallen und bebildern. Obwohl ich in manchen Nächten todmüde war, hielt ich mich krampfhaft wach, um nicht etwa Deutschlands neuen Superstar zu verpassen. Nicht auszudenken, was dann passiert wäre.

3. Matratzenkrampf
Es dauerte eine Weile bis ich kapierte, dass sich mein Körper auf Billig-Lattenrost von Poco und Aldi-Matratze einfach nicht erholen konnte. Also schlief ich jahrelang auf einem Möbel, das später selbst meinem Hund zu unbequem wurde.

Gründe, die einen krank werden lassen:
1. Fast-Food
Tatsächlich fand ich mich im Sumpf derer Leute wieder, die sich mittags und abends schnell irgendetwas Essbares rein pfeifen, nur um den Magen zu füllen, damit er die Klappe hält. Schnell verfügbar sind Essenslieferanten wie Mac Donalds oder Burger King, aber auch Döner Buden oder China Imbiss. Mich hielt nerviges Kochen vom Arbeiten ab, genauso wie Überlegungen zum Einkaufen.

3. Schlafentzug
Ich schlief schlecht – siehe oben. Ich war selbst im Nachthemd noch in Hektik und ruhelos.

4. Alkohol und Nikotin
Ich trank Rotwein, jeden Abend. Ein Glas mindestens, maximal zwei oder drei. Das mag nicht viel sein, dennoch war es eine Gewohnheit geworden, auf die ich nicht verzichten wollte – oder konnte. Begleitet von drei bis vier Zigaretten, wurde dieser Konsum zu einem Ritual vor dem Zubettgehen. Alkohol macht ruhig und das war es, wonach ich mich gesehnt hatte. Damals wusste ich noch nicht, dass echte Ruhe nicht von außen kommt.

Nun lehnte ich mich über die Reling und lauschte. Mir schien mein bisheriges Tun so unglaublich sinnlos. Ich fühlte eine Leere in mir, die gleichzeitig Befreiung und Last war. Sie waren weg, alle. Hektik, Ruhelosigkeit, Achtlosigkeit. Ich war ganz im Hier und Jetzt. Sie waren über Bord gegangen, das Gedankenfeuer, der Fernsehwahnsinn und Matratzenkrampf. Ich wollte unbedingt gesund werden.

Ich hörte bald nur noch das gluckernde Plätschern des Wassers. Und meinen Atem. Dann hörte ich gar nichts mehr und schlief ein.

Das, was bleibt, wenn Du nichts mehr tust, ist Stille. Sie trägt Ruhe im Gepäck und sorgt für tiefen Atem. Stille lässt Dich schlafen. Stille macht heile und gesund. Sie ist das lauteste, was ich jemals gehört habe. Sie trägt den Rettungsanker mit sich, den wir brauchen im Leben.

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