Wie der eigene Blickwinkel das Leben verändert (Aus: Die Glückswelle im Leben surfen)

Ich verliebte mich am nächsten Tag in den Wind. Später sollte ich seine Tochter werden, aber das ist eine andere Geschichte (und soll ein andermal erzählt werden). Mein Boot schaukelte sanft im leichten Wellengang, während mir hin und wieder ein wenig Gischt ins Gesicht spritzte. Vermutlich waren das die Ausläufer meiner durchplärrten Nacht. Wenn der Körper zusammen mit der Seele Hausputz macht, dann aber richtig. Das machen die beiden mit Salzwasser, was ja vernünftig ist.

An diesem Tag lernte ich, wie ich meinen Blickwinkel verändern kann, um das Glück schon von weitem zu sehen.

Wir Menschen haben so eine doofe Angewohnheit, dass wir unsere Probleme häufig mit denselben oder ähnlichen Strategien angehen. Wir gucken auf eine Herausforderung mit einem gut einstudierten Blick. Um im Leben nicht immer wieder, wie ein Kleinkind, von vorne anfangen zu müssen oder alles neu zu erlernen, ist das super. Ziemlich beknackt ist diese Methode dann, wenn wir uns verrannt haben. Wenn es mit diesem Blickwinkel und jener Herangehensweise einfach nicht weiter geht.

Was hilft da? Eine andere Perspektive einnehmen. Anders auf die Probleme gucken. Mal einen Schritt zu Seite machen und den Kopf leicht drehen, damit die Augen einen anderen Winkel ausleuchten.

Gut, meine Position wurde durch eine ordentliche Welle verändert, indem mein Boot einen Satz nach oben machte, mich unsanft hochschleuderte und (schönerweise) wieder auffing. Das Leben macht das manchmal so. Was vermeintlich ein Schlag ist, entpuppt sich als Segen. Jedenfalls stand ich auf meinem Boot und rieb gerade mit schräg gelegtem Kopf meinen Nacken, als ich meine neue Freundin auf mich zu schwimmen sah. Was ich in diesem Moment allerdings nicht wusste.

Die Entdeckung der Entschleunigung
Außen war das Wetter so, wie Menschen es als „gut“ bezeichnen. Wir bewerten ja alles, sogar das Wetter. Innen, also in mir, war kein „gutes“ Wetter und wenn etwas nicht „gut“ ist, dann ist es „schlecht“ oder „neutral“. Von meinem inneren Wetterzustand aus betrachtet, dachte ich zuerst: „Oh nein, wenn dich jemand so sieht! In diesem Zustand, völlig im Eimer und planlos!“ So was zu denken kriegst Du zustande, wenn Dein innerer Wetterzustand echt schlecht ist. Ich hatte keine bessere Idee, als ich am Horizont im Wasser etwas auf mich zuschwimmen sah, als zu glauben, es sei ein Mensch, der mich „so“ sehen könnte. Der MICH sehen könnte. Dieses Phänomen tritt im Leben meist dann in Erscheinung, wenn zwei Faktoren aufeinanderprallen.

1. Druck
Leistungsdruck, Erfolgsdruck, sozialer Druck. Je mehr Druck, desto höher die empfundene Belastung. Wenn Druck dauerhaft als „zu hoch“ empfunden wird, hat man es verpasst, Grenzen zu setzen. Eine Grenze ist etwas außerordentlich hilfreiches, wenn Du Dich schützen magst. Unterliegst Du lange genug einem Druck, der Dich aus dem Gleichgewicht bringt, dann können Körper, Geist und Seele nicht mehr zusammen arbeiten. Meist schaltet sich Gevatter Geist ein und stellst sich vor Kamerad Körper und Schwester Seele. Der Geist (Kopf) nimmt den Heimwerker-Kasten und malt einen vermeintlich guten Plan auf. Er greift dabei auf gemachte Erfahrungen zurück und orientiert sich an den anderen Menschen. An denen, die den imaginären Wettkampf segeln. An denen, die den Druck genauso machen wie Du selbst. Du willst anhalten und Dich erholen, machst aber das Gegenteil. Du gibst dann nochmal ordentlich Gas, weil Du den Druck nicht aushältst.

2. Ego
Wenn Schwester Seele und Kamerad Körper das Weite suchen, weil Gevatter Geist glaubt, er sei die Lösung schlechthin dann… nennt man das den Auftritt des eigenen Egos nach Außen. Das eigene Ego ist prima, wenn es um Schutzfunktion in manchen Momenten geht. Es ist nicht immer angebracht, jedem Menschen in jedem Moment sein Innerstes zu offenbaren. Da darf das Ego ruhig mal zwischendurch zum spielen rauskommen. Wenn das Ego aber permanent draußen ist, dann wird es zur Pest an Bord. Es stellt sich als gottgleich dar, herrscht über alles und überdeckt leider auch alles, was Dein Kern ist. Was DU bist, wenn Du ausgeglichen bist. So sorgt das Ego also unter Druck für permanente Schieflage – und Du glaubst auch noch, dass das „normal“ ist – so schräg auf die Welt zu gucken. Wir erinnern uns: den Blockwinkel verändern hilft meistens…

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Gerade, als ich noch darüber nachdachte wie ich mich schnell in ein besseres Licht rücken könnte, bevor dieser Unbekannte bei mir wäre, kam die nächste Welle. Diesmal landete ich auf dem Gesicht. Ich drehte meinen Kopf zur Seite.

Zuerst sah sie unglaublich niedlich aus. Ihr kleines Köpfchen streckte sich immer wieder zum Luftholen aus dem Wasser. Hin und wieder sah ich eine Flosse, wenn sie tollpatschig paddelte. Je näher sie herankam, desto größer wurde sie natürlich. Bald bemerkte ich, dass sie weder niedlich war noch tollpatschig durchs Wasser paddelte, sondern eine riesige, ausgewachsene Schildkröte darstellte. Sie war beinahe so groß wie mein Boot – unter Wasser sah sie sogar noch größer aus, als mein schwimmendes Zuhause.

Eine Gänsehaut überzog mich und Ehrfurcht stellte sich ein. Ehrfurcht. Die war mir neu. So fühlte sich dieses Wort also an, das plötzlich ein Gesicht bekam. Ich ging auf die Knie, um sie besser sehen zu können. Demut. Ah, so also fühlte sich Demut an. Die Welt schien still zu stehen, mein Boot verlangsamte sich und ich selbst wurde ruhig. Ich erinnerte mich an mein Gespräch mit Oliver, damals in der Hafenkneipe.
„Bist du Kurma?“ fragte ich ins Blaue hinein.
Sie tauchte auf und hob ihren Kopf aus dem Wasser.

Weiter geht´s mit „der Schildkröte, die niemals einen Ton von sich gibt, wenn sie spricht“ und der Stille als Rettungsanker

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Was uns Menschen glücklich macht (Aus: Die Glückswelle im Leben surfen)

„Wie eine Karotte an einer langen Stange vor meinem Kopf, während ich dahintrabe“, lautete meine Antwort auf die Frage, wie sich das Glück im Leben manchmal verhält. Ich hatte die Segel gesetzt um meine Glückwelle im Meer der tausend Möglichkeiten zu finden – und auf ihr zu surfen, am liebsten für immer. Im Meer (des Lebens) liegt alles verborgen, was wir wissen müssen und manchmal gehen wir an Land, um das zu erden, was wir erfahren haben.

An diesem Tag lernte ich, wie ein Mensch die Richtung zum eigenen Glück finden kann.

Ich saß gerade sprichwörtlich in der Hafenkneipe und unterhielt mich bei einem Glas Rotwein mit Oliver, der dasselbe Seminar besuchte. Oliver fischte alsbald nach Zettel und Stift und schrieb ein Buch darauf, das er mir empfahl. Ich hatte damals noch die Angewohnheit, in Büchern nach finalen Antworten für mich zu suchen. Vielleicht ging es Oliver ähnlich oder er spürte, dass ich noch nicht in mir selbst lesen konnte. Auf jeden Fall machte ich Bekanntschaft mit den „7 Geheimnissen der Schildkröte“. Ein Land- und Meerestier, natürlich. Die Schildkröte Kurma lehrt, den eigenen Weg langsam zu gehen, im eigenen Tempo. Schon beim Lesen durchdrang mich stetig der Impuls, weiterzublättern und ein paar Seiten zu überspringen. Einfach die letzte Seite lesen und mir den Rest ersparen. Ehrlich, auf mich wirkte die Langsamkeit einer Schildkröte und der Schreibstil der Autoren so entschleunigend, dass ich vor der Ruhe und Stille erschrocken flüchtete, die sich mir auftat.

Glücksgeflüster bei schaukelndem Wellengang
Das Glück hat eine Stimme, jeder Mensch kann sie hören. Sie wohnt überall in uns. Ihre Position ist weder nur der Kopf, noch ausschließlich das Herz. Sie ist die Balance zwischen beiden und durchdringt jede Körperzelle. In der schnelllebigen Zeit unserer Gesellschaft, in der Leistung und Profit verkopft mehr zählen, als das Glück eines einzelnen Menschen, da wird die Stimme des eigenen Glücks systematisch begraben. Dennoch: Das Grab, das Du dem eigenen Glück schaufelst, das kannst Du wieder ausheben!

Stell Dir folgendes vor:
Du segelst auf einem Boot über das Meer. Das Boot, das ist Dein eigener Körper. Das Meer, das ist das Leben. Irgendwann hast Du Dir in den Kopf gesetzt, möglichst schnell zu segeln und weite Distanzen zurück zu legen. Du beobachtest die anderen Segelboote – manche sind schöner, schneller, größer. Andere sind das Gegenteil. Du ackerst tagein, tagaus auf Deinem Boot. Es gibt häufig Stürme, heftigen Wellengang, hin und wieder fällst Du sogar über Bord und brauchst eine Zeit, bis Du Dich wieder erholst. Die Erholungsphase macht Dich schier wahnsinnig, weil die anderen Boote Dich jetzt überholen und sich noch schöner, schneller und größer machen. Und das. während Du herumliegst und Deine Kräfte neu sammeln musst. Du setzt also alles daran wieder gesund zu werden, nur um erneut tagein, tagaus zu ackern, im Wettkampf mit den anderen.

Fragen, die Du jetzt beantworten darfst:  

Wohin segelst Du eigentlich?
Wohin führt Dich Dein Kurs im Leben?
Wofür lohnt es sich, dass Du Dich verausgabst und all Deine Energie aufbringst?
Gegen wen trittst Du in diesem Wettkampf an und für was?

Ich bin ehrlich, hier kommt mein Einwand: Wenn man an einem Wettkampf teilnimmt, dann haben alle Menschen das gleiche Ziel. Sonst kann man nicht messen, wer als erstes angekommen ist. Ich bin auch ein Mensch und versprochen, mich interessiert es nicht die Bohne, Dein Lebensziel zu erreichen.

Zurück zu den Fragen. Ich habe sie alle für mich beantwortet. Die Folge war… SCHRECKLICH!

Das Einholen meiner Segel, das Abstellen meines Motors, das Weitersegeln lassen der anderen Teilnehmer in diesem imaginären Wettkampf – war SCHRECKLICH! Noch SCHRECKLICHER war der Gedanke, weiter zu machen wie bisher. Also…

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Da plätscherte ich dahin, nachdem ich mich selbst meinem vermeintlichen Daseinszweck beraubt hatte. Und dann passierte

1. Angst Ahoi!
Ganz ehrlich, nur schön ist dieses Gefühl nicht. Das, was in Büchern und Filmen immer beschrieben wird von diesen Leuten, die alles über den Haufen schmeißen um ein neues, besseres Leben zu beginnen, das stellte sich bei mir als nackte Angst vor. Hallo?! Ich meine, da strampelst Du wie verrückt Dein halbes Leben vor Dich hin und stellst fest, dass vieles davon für die Katz war und komplett behämmert. Ich kann schon verstehen, dass viele (die meisten?) Menschen sich für´s Weiterackern und Wettkampfsegeln entscheiden, denn das kennt man wenigstens und das gibt Sicherheit. Auch wenn es unglücklich macht und weh tut. Denn die Alternative ist im Zweifel…eben diese nackte Angst. Was mache ich da eigentlich, wohin soll es jetzt gehen? Wo sind die anderen hingesegelt und wenn ich sie finde, will ich sie dann noch in meinem Leben haben?

2. Vollkommende Planungslosigkeit an Bord
Neben meinem neuen Begleiter namens Angst gesellte sich schnell sein Kumpel Planungslosigkeit dazu. Auch wenn ich vorher an einem imaginären Wettkampf im Segeln auf dem Meer des Lebens teilgenommen hatte – ich dachte wenigstens, ich wüsste, was ich da tue. Jetzt wusste ich gar nichts. Mein Kopf feuerte pausenlos Gedanken ab wie „Wenn du jetzt schnell machst, dann kriegst du die anderen noch! Du hast einfach eine Krise, die geht vorbei, wenn du fix wieder zum alten, bewährten Trott zurückkehrst! Die anderen sind doch meilenweit von dir weg und jede Minute wird es mehr Abstand!“ Ja, das Gedanken-Kanonenfeuer an Bord, das hatte seinen Job verstanden.

3. Totale Hilflosigkeit unter´m Kiel
Mir fehlte der Halt. Ich hatte den Boden unter den Füßen verloren und festgestellt, dass ich nie einen Kompass gehabt hab. Ich war mir sicher, dass ein Arzt die Diagnose „Depression“ auf einen Schein geschrieben hätte und was ich ebenso wusste war, dass dieses Erleben hier schon der Schritt darüber hinaus war. Im positiven Sinne!

Neben dieser Hilflosigkeit, die ich mir weder erklären, noch jemanden darüber befragen konnte, sah ich am Horizont etwas näher kommen, von dem ich wusste, dass es mir beim Aufstehen helfen würde.

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